Samstag, 22. Juli 2017

Listen ....

GEDANKEN ZUM WOCHENENDE:
Die letzten Wochen waren ein einziges Hamsterrad. Arbeit ohne Ende und ohne nennenswerten Gewinn. Stundenlohn? Kein Kommentar. Gewinn? Kein Kommentar. Einfach nur Überleben in einer  wirtschaftlichen Krise und nicht der Rede wert ...
Und doch berührt mich nicht nur mein eigenes Dasein. Ich denke an all die verqueren Dinge, die mehr oder weniger unbemerkt um uns herum ihren Lauf nehmen (die Reihenfolge dieser Liste ist rein zufällig und keiner Relevanz geschuldet):

-         In der Türkei wird allen Ernstes über die Wiedereinführung der Todesstrafe nachgedacht.

-         In Deutschland erfreuen sich Merkel & Co nach den Hamburger Ereignissen stetig steigender Beliebtheit – die Wahlen im September sind  nur noch Makulatur.

-          In Polen wird das Rechtssystem „demokratisch“ ausgehebelt.

-         Bayern erweitert den Gewahrsam von „Gefährdern“ von zwei Wochen auf drei Monate , was aber de facto auf unbestimmte Zeit hinaus erweitert werden kann.

-         Österreich rüstet am Brenner auf zur Abwehr von Flüchtlingen - und Bayern hat tatkräftige Unterstützung bekundet.

-         Griechenland versinkt trotz der letztens bewilligten „Hilfe“ unaufhaltsam im wirtschaftlichen Chaos.
-        
 Die flüchtenden Menschen aus Afrika und aus anderen Ländern haben keine Chance und werden weiter im Mittelmeer ertrinken. Mitteleuropa geht das – mit Verlaub – am Arsch vorbei.

-         Das Recht des Menschen auf Wasser wird ausgehebelt – mit tatkräftiger Unterstützung der Schreibtischtäter der EU und der westlichen Regierungen – allen voran die deutsche Bundesregierung.

-          In Griechenland wird eine angebliche Sympathisantin von Terroristengruppen mit äußerst fragwürdigen und dünnen Beweisen zu langjähriger Haft verurteilt – unter einer sogenannten linken Regierung.

-          In Kos und an der türkischen Küste gab es ein Erdbeben von 6.4 Richter mit 2 Toten und zahlreichen Verletzten. Den ostägäischen Inseln bleibt auch nichts erspart ….


Dies waren nur einige Beispiele dafür, wie es um uns herum so zugeht. Habe ich etwas vergessen? Mit Sicherheit!  Und so kommt mir ganz nebenbei beim Schreiben dieser unendlichen Liste unserer Absurditäten Umberto Eco in den Sinn, der in einem seiner letzten Bücher Folgendes schrieb und dem ich nicht so ganz zustimmen kann, zumindest, was das „Begreifen des Unbegreiflichen“ in meiner Liste anbelangt:


Dienstag, 18. Juli 2017

Der ist nicht fremd, der teilzunehmen weiß. - Goethe

Seit über 20 Jahren bin ich eine Fremde in der Fremde.  Eigentlich wollte ich nie nach Griechenland. Italien war von den ersten Studientagen an erklärtes Lebensziel.  Daß es dann anders gekommen ist, ist – wie vieles in unserem Leben - dem Zufall zuzuschreiben.
Ich schicke also voraus, daß  ich in Wahrheit nicht zu den unzähligen Deutschen gehöre, die quasi mit wehenden Fahnen nach Griechenland gekommen sind, um Sonne, Strand und Meer zu genießen. Es war eher ein verhaltenes Gefühl von Neugierde gepaart mit einer gehörigen Prise Fatalismus 😉 .

Und so lebe ich nun seit über 20 Jahren in einem Land, in das ich nicht unbedingt wollte - zumindest stand es nicht auf der Wunschliste des Lebens. Aber ehe man sich versieht, vergehen die Jahre, der Lebensraum wird zur allzu geliebten Gewohnheit und man richtet sich ein. 

Heute kann ich sagen, dass mir Deutschland immer weniger fehlt. Neulich sagte mir eine Freundin, da ich nicht mehr regelmäßig in Deutschland wäre, wäre mir auch das Bedürfnis nach meiner Heimat abhanden gekommen. Eine seltsame Überlegung, wäre doch die logische Reaktion auf diesen "Entzug" ein immer stärker werdender Wunsch nach der Heimat. Aber die Eltern sind tot, meine Freunde von früher sind in alle Winde der Welt verstreut. Es ist im Laufe der Jahre ruhig geworden um mich, um sie und damit auch um unsere gemeinsame Heimat und Vergangenheit …

So wird man als Seelenwanderer zwischen zwei Ländern, zwei Kulturen und Mentalitäten mit zunehmendem Alter mehr und mehr auf sich selbst zurückgeworfen. Und oft stelle ich mir selbst die Frage, warum zieht es mich nicht mehr so in meine Heimat wie früher als z.B. die Eltern noch lebten?  Sicherlich ist mit ihnen das wichtigste Verbindungsglied verschwunden. Aber darüberhinaus liegt es auch an mir selbst. Die langen Jahre fern von der Heimat haben ihre Spuren hinterlassen, haben mich verändert und haben mich in dem Lebensraum verankert, den mir der Zufall zugedacht hat. Und das ist richtig und gut so. 

Was mich in der ersten Zeit hier am meisten störte, war dieses Leben zwischen den Stühlen, dieses Leben quasi im Zwischenraum. Ich stellte schnell fest, dass es nicht ehrlich ist, nicht wirklich lebbar ist – jedenfalls nicht für mich. Ich konnte mit meiner Heimat als ewiger "Hintertür" nicht aufrichtig in einem Land leben, das sich in so vielem von unserem Leben in Deutschland unterscheidet.  Meine Arbeit brachte es mit sich, dass ich von Anfang an fast ausschließlich zu Griechen Kontakt bekam. Kontakte zu netten Landsleuten kamen eher zufällig zustande, da ich mich ganz bewußt nicht ausdrücklich darum bemühte. Ich spürte instinktiv, daß ich nicht inmitten einer deutschtümelnd geistigen Enklave in einem fremden Land leben kann.

Dennoch spüre ich nach all diesen Jahren einen für mich entscheidenden Zwischenraum, dem auch ich nicht entkomme: Wenn ich überhaupt noch ein „Fremdeln“ empfinde, dann nur in der Sprache.  Meine Muttersprache ist mein ureigenstes Ausdrucksmittel, die fremde Sprache bleibt letztendlich immer fremd, obwohl ich mich zugegebenermaßen recht gut in ihr eingerichtet habe. Aber niemals werde ich in der Lage sein, mich in der fremden Sprache exakt so auszudrücken wie in meiner eigenen. Niemals werde ich das ständige Suchen nach dem richtigen Ausdruck überwinden können. Die fremde Sprache wird in meinem Sprachverständis immer nur eine ungefähre bleiben, die mir in so manchem interessanten Gespräch eine tiefer gehende Mitteilung verwehrt. Aber dies ist für mich persönlich der einzige Wermutstropfen meines Lebens hier, den ich mir mit Lesen und Literatur jedoch einigermaßen versüßen kann ... 😉


Abgesehen jedoch von meiner Sprache, kann ich kein Leben im Zwischenraum leben. Dabei fällt mir spontan der berühmte Satz Adornos aus seinen Minima Moralia ein: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" - ein vielfältig interpretierbarer Satz natürlich, aber ich kann ihn deshalb auch auf meine Situation beziehen; denn es gibt nicht wenige Landsleute von mir, die hier unbewusst ein falsches Leben führen. Sie saugen die Vorteile auf wie trockene Schwämme und echauffieren sich im selben Atemzug mit übertriebener Hingabe über die Nachteile - die übrigens alle Länder der Welt im Überfluss zu bieten haben. Sie bleiben dabei ganz unbewusst ihrer angeborenen Mentalität verhaftet, deren Nachteile aber seltsamerweise nur selten von ihnen selbst hinterfragt werden. Sie bleiben in Wirklichkeit den Zwischenräumen verhaftet, am Ende sind viele von ihnen weder hier noch dort wirklich zuhause.

So aber macht man sich am Ende "falsch", denn man hat sich in einer Art selbstgewählter Vermeintlichkeit eingerichtet.
Und man verzichtet auf das größte Geschenk, das gerade so ein Leben weitab der Heimat uns machen kann: Uns selbst, unsere Mentalität und unser Land durch den Blick der Anderen besser zu verstehen lernen.






Montag, 17. Juli 2017

Wenn ich wüßte, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten. - Pablo Picasso

Einige Zeit seit meinem Besuch im Museum Zeitgenössischer Kunst in Athen (EMST) und im Benaki-Museum mit der aktuellen documenta-Ausstellung ist vergangen. Die documenta14 in Athen hat nun ihre Pforten geschlossen. Vieles wurde und wird noch über dieses Projekt geschrieben, von griechischer und deutscher Seite. Künstler, Betrachter, Kunstexperten ... sie alle haben ihre Meinung zu diesem "Event" -  und das ist auch gut so.
In all diesem Wust von Meinungen und Einschätzungen bin ich als Betrachter auf mich selbst gestellt, ich kann mich nur auf das konzentrieren, was Kunstbetrachtung für jeden Einzelnen von uns ausmachen sollte. Denn Kunst war und ist für den Betrachter eine weitgehend persönliche Angelegenheit. Vor allem in der zeitgenössischen Kunst beginnen wir oft mit der Frage "Und DAS soll jetzt Kunst sein!?", nur um dann manchmal trotzalledem festzustellen, daß uns dieses Kunstwerk "irgendwie" anspricht, auch wenn wir es nicht verstehen oder einordnen können.
Und ich frage mich: Was ist so schlimm daran? Gibt es denn heute so etwas wie einen allgemeingültigen Kunstkanon? Sind nicht auch die künstlerischen Medien im Laufe des vergangenen Jahrhunderts so vielfältig geworden, daß man sie kaum mehr in einen allumfassenden Kanon vereinen können?

Jede Kunst muss der absolut subjektiven Rezeption und Wertung ausgesetzt bleiben. Nicht umsonst haben sich die heutige Kunstbetrachtung und -Theorie den Betrachter als Ausgangspunkt auserkoren oder wie es Wolfgang Kemp in seinem wunderbaren Buch "Der Betrachter ist im Bild" ausdrückt:

Das Sujet der Werke ist das Subjekt, 
ist die Formung unserer Identität über Prozesse der Wahrnehmung und Identifikation. 

Die Rolle des Betrachters ist übrigens seit den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts mehr und mehr thematisiert worden - sozusagen auf die Spitze getrieben dann von Marina Abramovic mit ihrer Performance "The artist is present" im New Yorker MoMa im Jahre 2010 (theartistispresent), wo Künstler und Betrachter selbst Gegenstand der Kunst wurden.

Sprechen wir über Kunst, bleibt am Ende nur ein Gedanke: Kunst, egal welcher Epoche, soll vor allem berühren, ansonsten hat sie keinen Sinn. Zuerst ist bei Jedem nur ein Gefühl da - und es ist absolut subjektiv und eben deshalb auch nicht diskutierbar (nichts Unfruchtbareres als eine "gepflegte" Diskussion über Kunst unter Freunden 😊😊😊).

Diskutierbar wird Kunst wohl erst auf wissenschaftlicher Ebene - was uns als unbedarfte Betrachter aber zunächst einmal nicht zu interessieren hat. Nicht jedes Kunstwerk muss Jedem von uns etwas "sagen". Und ist dies nicht das Schöne an der Kunst: Sie kann in ihrer unendlichen Vielfalt viele Menschen ansprechen und ebenso viele nicht. Und dies verbindet die bildenden Künste auch mit der Literatur. Man kann Bücher diskutieren, man kann Texte unendlich analysieren,  aber man kann kein Buch lieben, nur weil es laut literarischem Kanon "bedeutend" ist (siehe z.B. die endlose Diskussion in literarischen Zirkeln über Joyce und seinen Ulysses 😉 ).

Man muss also unterscheiden zwischen der individuellen Rezeption von Kunstwerken und der wissenschaftlichen Betrachtung. Man sollte als Betrachter deshalb auch den Mut zur sogenannten "Lücke" haben. So wie man sich ein Buch aussucht, trifft man auch in einem Museum seine ganz persönliche Auswahl... was kann es Schöneres geben!?

Und beim Nachdenken über den Sinn und Unsinn von Kunst oder auch Literatur erscheint mir doch die Musik als bestes Beispiel für die richtige Kunstbetrachtung: Wer würde sich beim Anhören eines Musikstückes die Frage stellen, ob es dem allgemeingültigen "Kanon" oder auch nur Geschmack entspricht?

Und so wie ich mit Picasso begonnen habe, möchte ich auch diese heutigen Gedanken mit ihm schließen:

Jeder möchte die Kunst verstehen. Warum versucht man nicht, 
die Lieder eines Vogels zu verstehen? Warum liebt man 
die Nacht, die Blumen, alles um uns herum, ohne es durchaus 
verstehen zu wollen? Aber wenn es um ein Bild geht, 
denken die Leute, sie müssen es "verstehen" . 




P.S.  Ein überaus spannender Ansatz zur allgemeinen
Kunstbetrachtung und Kunstinterpretation ist Susan Sontags Aufsatz: "Gegen Interpretation" aus dem Jahre 1965 (erschienen u.a. in der Essaysammlung "Kunst und Antikunst, München 1980)