Sonntag, 14. Mai 2017

Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor irgendetwas stehen, das wir nicht gleich restlos erklären können. - Christoph Schlingensief

Das Problem aller zeitgenössischen Kunst: Was hat es nicht schon einmal gegeben, was fällt wirklich aus dem Rahmen der modernen und postmodernen Kunst des 20. Jahrhunderts heraus? Die Kunst bietet ja keine neue Medien: Malerei, Skulptur, Performance, Land Art, Installation, Video, Photographie und all die daraus resultierenden hybriden Formen. Was bleibt dem zeitgenössischen Künstler also, um innerhalb dieser Medien etwas Neues zu kreieren? Oder ist die zeitgenössische Kunst gefangen in unumgänglichen Rückgriffen auf Moderne und Postmoderne? Wie gehen zeitgenössische Künstler mit den bedeutenden Umwälzungen dieser beiden Kunstepochen um? Wie können sie sie weiterentfalten?
Mit diesen Fragen betrat ich heute die documenta-Ausstellung im neuen Athener Museum für zeitgenössische Kunst, EMST. Der Umbau der ehemaligen Fix-Bierfabrik ist beeindruckend gelungen: Klare Formen, hohe, lichterfüllte Räume. Wie in vielen modernen Museen hat man sich auch im EMST für weiße Wände (und den obligatorischen blassen Laminatfußboden) entschieden und folgt damit dem bereits aus dem frühen 20.Jahrhundert stammenden Konzept des "White Cube" - ein Ausstellungskonzept, das bewusst die umgebende Architektur vor dem Kunstwerk in den Hintergrund treten lassen sollte. Mittlerweile hat dieses puristische Konzept aber auch Gegner gefunden, die nicht zu Unrecht bemängeln, man "neutralisiere" damit die Kunst und reiße sie aus ihrem gesellschaftlichen Umfeld ...

Wie ich immer wieder feststelle, tue ich mich persönlich mit der zeitgenössischen Kunst um einiges schwerer als mit der modernen und postmodernen des vergangenen Jahrhunderts. Dies mag sicherlich auch damit zu tun haben, dass ich mich nur marginal mit zeitgenössischer Kunst beschäftige, wohingegen mir das 20. Jahrhundert mit seinen so innovativen und herausragenden künstlerischen Ideen immer wieder aufs Neue interessant erscheint. Nun ja, mit soviel "Nichtwissen" beglückt, kann man so eine zeitgenössische Ausstellung immerhin recht vorurteilslos aufsuchen und einfach erstmal nur "schauen" ...
Verteilt auf drei Stockwerke bietet sich dem Besucher eine recht vorhersehbare Kunstsammlung: Malerei (leider wenig), Photographie, Installation, Skulptur, Video und Klang ... Themenbereiche waren nur punktuell auszumachen, ein ausstellerisches Gesamtkonzept, das an das Motto dieser documenta ("Learning from Athens") anknüpft,  hat sich mir nur in manchen Einzelwerken, aber nicht übergreifend erschlossen, aber vielleicht habe ich es einfach auch nicht verstanden . 😏 Dazu ist zu bemerken, dass man sich als Besucher aufgrund der sehr dürftigen Beschriftungen der einzelnen Objekte relativ verloren vorkommt; vom museumspädagogischen Standpunkt aus kann die Ausstellung leider so gar nicht überzeugen und so manches hätte besser gemacht werden können (z.B. auf Cavaletti präsentierte Bilder, wobei aber eines das andere halb verdeckt und man den Besucher damit zwingt, sich um diese Cavaletti herum einen Weg zu bahnen und gleichzeitig zur Folge hat, daß man viel zu nah vor den Gemälden stehen muss und ihre Wirkung aus entsprechender Ferne nicht beurteilen kann, was bei Gemälden unbedingt gegeben sein muss; bei manchen Objekten musste man die Beschreibungen und dürftigen Künstlerinformationen krampfhaft suchen - sie waren -wohl als sehr innovativ gemeint - meist am Boden aufgeklebt, aber darüber hinaus nicht immer leicht zu finden oder dem richtigen Objekt zuzuordnen... ).

Nichtsdestotrotz haben mich einige Kunstwerke sehr beeindruckt.

Die wohl auffallendste Installation ist die viele Meter hohe "Quipu Womb" der chilenischen Dichterin und multidisziplinären Künstlerin Cecilia Vicuna (geb. 1948), die nicht zu Unrecht in den Medien vielfach gewürdigt wurde:





















Ebenso erstaunlich die zu einer 11 Meter breiten Wandmalerei zusammengefügten Gemälde des Inders K.G. Subramanyan (1924-2016), der sich als ehemaliger Ghandi-Aktivist ein Leben lang mit der Trennung der Menschen durch Kultur, Sprache oder Religion künstlerisch auseinandersetzte:


Eine sehenswerte Installation ist auch eine Zusammenstellung von Werken verschiedener Künstler, dem antiken Schönheitsideal und der Herstellung (und endlosen Reproduktion bis hin zum Kitsch) von antiken Statuen gewidmet. Eine Plastik-Gießform für eine riesige Poseidon-Statue als Blickfang dieser Installation, die dann aber bei genauerem Hinsehen vor allem in ihren Photocollagen Interessantes zu bieten hat - Rassentheorien und Hitler inbegriffen (auf ihn werde ich später nochmal zurückkommen).


Wirklich bewegt haben mich aber vor allem drei Künstler, die ich Euch kurz vorstellen will:

Da ist zunächst die israelische Künstlerin Yael Davids, die mit ihrer Hommage an die deutsch-jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler auf dieser documenta vertreten ist: Neben Texten über Lasker-Schüler, die teilweise ausgeschnitten und in Collagen wieder zusammengefügt sind, beeindruckt ein unauffälliges, simples weißes DIN A-4 Blatt mit dem Gedicht "Dem Barbaren" aus dem Jahre 1911 (hier die Originalfassung  ) - aufgestickt mit dem Haar von Yael Davids ...



Ähnlich arbeitete auch die sardische Künstlerin Maria Lai (1919-2013) mit Papier und - diesmal echten - Fäden, mit denen sie ihre Papierbögen teilweise maschinell bestickte und zu Collagen zusammenfügte. Beim ausgiebigen Betrachten dieser Werke gesellte sich eine junge Frau zu uns und erzählte uns kurz die Lebens-geschichte der Künstlerin. Und tatsächlich sah man nach diesen Informationen ihre Werke nochmals in einem anderen Licht: Geboren in einem abgelegenen sardischen Dorf, ohne Zugang zu öffentlichen Schulen, konnte sie erst relativ spät das Lesen und Schreiben erlernen. Ein Onkel wollte ihr eines Tages eine Schreibmaschine schenken, was sie aber ablehnte und lieber eine Nähmaschine haben wollte. Danach begann sie erste Experimente, ihre Texte auf Papier zu "nähen". 
Eine andere Collage zeigt die wundervolle kalligraphische Handschrift von Lai, aber auch da wurden die einzelnen Blätter zusammen- oder übernäht. Einige der Papiere sind verkehrt herum aufgenäht  - ein Hinweis, dass man sozusagen immer auch "hinter" das Geschriebene schauen soll oder alles seine zwei Seiten hat?




Ein weiterer ganzer Raum ist dem interessanten österreichischen Künstler Lois Weingerber (geb. 1947) gewidmet. In kleinen, profanen Pappschachteln sind Funde, die er in der Umgebung des heimatlichen Bauernhofes ausgegraben hat, zu seltsam anmutenden Collagen zusammengestellt. Darunter so Profanes wie Steine, Hölzer und Ähnliches, aber auch Babykleidung, verrottete Buchseiten, Tonscherben, Schuhe, Tierkadaver und vieles mehr. Ein Panoptikum menschlichen Daseins und natureller Relikte, auf ganz anrührende Weise dem Vermodern und Vergessen entrissen ...


Neben der ganz oben erwähnten Vicuna waren diese drei Künstler für mich ganz persönlich die beeindruckendsten dieser Ausstellung. Noch einige Einzelkunstwerke wären zu erwähnen, aber das würde diesen Blog hier sprengen. Hinweisen will ich nur noch auf eine Installation, die von mir als Deutsche natürlich nicht unbemerkt bleiben konnte (und auch von keinem anderen Besucher, denn die großflächigen Hitlerbilder sind nicht zu übersehen):



In deutscher Schrift sind Namen, Geburts- und Todesdaten von Homosexuellen, die unter Hitler in verschiedenen Konzentrationslagern umkamen, auf die Gemälde geschrieben. Damit schloss sich der Kreis zu der oben erwähnten Installation, das antike griechische Schönheitsideal in der Skulpturenkunst betreffend. Man könnte in diesem Rückgriff auf den "Greek Way" gar eine Brücke zu Griechenland geschlagen sehen, so wie es das Motto der documenta und der Ausstellungsort Athen anbieten, bei diesem speziellen Thema hätte ich mir allerdings eine wirklich zeitgenössische Herangehensweise gewünscht, denn das Thema der Verfolgung Homosexueller ist auch im 21. Jahrhundert in vielen Ländern der Welt leider noch brisant genug und sicher ließen sich Künstler finden, die aktuelle Erfahrungen künstlerisch thematisieren.

Man kommt nicht umhin sich zu fragen, nach welchen Kriterien Künstler für so eine Ausstellung ausgewählt werden. Manches erschien mir tatsächlich nicht des Ausstellens wert, manches hätte thematisch ausgebaut werden können, manches erschien mir erst durch den Vorgang des Ausgestelltwerdens überhaupt zur Kunst erhoben zu werden  - allerdings leider nicht im Sinne von Duchamps Readymades.
So verließen wir das Museum mit so manchem Fragezeichen im Kopf. Das obige Zitat von Schlingensief hat sich nicht so ganz erfüllt 😉 Etwas sehr kühl ist das Ganze dann noch inszeniert: Stellenweise hat man das Gefühl, dass etwas "fehlt", dass mehr Kunst hätte Platz finden können. Man spürt, dass dieses Museum noch nicht "eingelebt" ist und eher einer frisch bezogenen Wohnung gleicht, die ihre "Aura" noch nicht gefunden hat. Aber das wird hoffentlich noch kommen. Und so darf man gespannt sein auf die kommenden Ausstellungen - wenn die documenta vorbei ist.