Sonntag, 28. Mai 2017

Umräume ...

Innerhalb weniger Tage habe ich nun zwei Museen besucht, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Das Museum der zeitgenössischen Kunst EMST und erst gestern das Benaki-Museum. Hier die kühlen, farblosen Räume des EMST und dort die neoklassizistisch-üppigen, teils farbig gestalteten Räume des Benaki-Museums ...
Dieser Kontrast brachte mich wieder zurück auf meine Gedanken über Ausstellungsräume, so wie ich dies zur documenta vor ein paar Tagen schon kurz erwähnte; das modern übliche Ausstellungskonzept ist der Idee des "White Cube" geschuldet, das im krassen Gegensatz steht zum oftmals farbigen, individueller ausgerichteten älteren Museumsraum.




Und gestern erinnerte ich mich endlich,  wo ich den diesbezüglich interessanten Aufsatz von Brian O'Doherty gelesen hatte, der sich mit den Ausstellungsräumen unserer Zeit auseinandersetzt und den ich zum Thema noch in Auszügen nachtragen möchte:


"Die Geschichte der Moderne ist mit diesem Raum aufs Engste verknüpft. Das heißt, die Geschichte der modernen Kunst kann mit Veränderungen dieses Raumes und der Art und Weise, wie wir ihn wahrnehmen, in Wechselbeziehung treten. Wir sind nun an dem Punkt angelangt, an dem wir nicht zuerst die Kunst betrachten, sondern den Raum. (Es ist üblich geworden, daß man sich zunächst einmal über den Raum äußert, wenn man eine Galerie betritt.) Das Bild eines weißen, idealen Raumes entsteht, das mehr als jedes einzelne Gemälde als das archetypische Bild der Kunst des 20. Jahrhunderts gelten darf. (...) Die ideale Galerie hält vom Kunstwerk alle Hinweise fern, welche die Tatsache, daß es "Kunst" ist, stören könnten. Sie schirmt das Werk von allem ab, was seiner Selbstbestimmung hinderlich in den Weg tritt. Dies verleiht dem Raum eine gesteigerte Präsenz, wie sie auch andere Räume besitzen, in denen ein geschlossenes Wertsystem durch Wiederholung am Leben erhalten wird. Etwas von der Heiligkeit der Kirche, etwas von der Gemessenheit des Gerichtssaales, etwas vom Geheimnis des Forschungslabors verbindet sich mit schickem Design zu einem einzigartigen Kultraum der 
Ästhetik. (...) Ja, eine Galerie wird nach Gesetzen errichtet, die so streng sind wie diejenigen die für eine mittelalterliche Kirche galten. Die äußere Welt darf nicht hereingelassen werden, deswegen werden Fenster normalerweise verdunkelt Die Wände sind weiß getüncht. Die Decke wird zur Lichtquelle. Der Fußboden bleibt entweder blankes Holz, so daß man jeden Schritt hört, oder aber er wird mit Teppichboden belegt, so daß man geräuschlos einhergeht und die Füße Ruhe haben, während die Augen an der Wand heften. Die hat hier die Freiheit, wie man so sagt, "ihr eigenes Leben zu leben". Ein diskretes Pult bleibt das einzige Möbel. In dieser Umgebung wird ein hoher Aschenbecher fast zu einem sakralen Gegenstand, ebenso wie der Feuerlöscher in einem modernen Museum einfach nicht mehr wie ein Feuerlöscher aussieht, sondern wie ein ästhetisches Scherzrätsel. Hier erreicht die Moderne die endgültige Umwandlung der Alltagswahrnehmung zu einer Wahrnehmung rein formaler Werte. Das ist gewiß eine ihrer fatalsten Krankheiten.
Schattenlos, weiß, clean und künstlich - dieser Raum ist ganz der Technologie des Ästhetischen gewidmet. (...) Hier existiert Kunst in einer Art Ewigkeitsauslage, und obwohl es viele Perioden und Stile gibt, gibt es keine Zeit. Dieses Aufgehobensein in Ewigkeit verleiht der Galerie den Charakter einer Vorhölle: Man muß schon einmal gestorben sein, um dort sein zu können. In  der Tat wirkt die Anwesenheit des seltsamsten Möbelstückes in diesem Raum, des eigenen Körpers, überflüssig und aufdringlich ..." 


Wolfgang Kemp, der Herausgeber des Buches, bemerkte in seiner Einleitung zusammenfassend:

" O'Doherty verweist uns auf die (...) vernachlässigte Bedeutung auch der von der Institution Kunst selbst geschaffenen Umräume für die Kunstproduktion und - rezeption. Schon die wenigen Bemerkungen des Autors zu älteren Präsentationsweisen und seine witzige, z.T. satirische Analyse des Galerie-Raums lassen erkennen, daß von einer wirklichen Neutralität und sachbezogenen Dienlichkeit dieser Rahmenbedingungen nicht die Rede sein kann."

(Brian O'Doherty, Die weiße Zelle und ihre Vorgänger, in: W. Kemp, Der Betrachter ist im Bild. Hamburg 1992, S. 335 ff.)

Und so bleibt es natürlich uns, dem Betrachter, überlassen, wie wir Kunst wahrnehmen, inwieweit Umräume uns beeinflussen; und nicht zuletzt bleibt die Erkenntnis, dass selbst weiße Räume eben auch nicht "neutral" sind ... 😉

Samstag, 20. Mai 2017

Mit dem Beginn des verdienten Wochenendes war mal wieder etwas "Kultur" angesagt ...
Am späten Vormittag machte ich mich auf zu einer kostenlosen Führung durch die sogenannte "Athener Trilogie" - Nationalbibliothek, Universität und Akademie.
Lebt man in Athen, läuft man so oft an diesen zentralen Bauten in der Odos Panepistimiou vorbei, meistens kennt man sie aber nur von außen. Allein den Lesesaal der Nationalbibliothek habe ich schon einmal vor ein paar Jahren besucht, als ich auf der Suche nach einem bestimmten Buch war für einen Aufsatz. Deshalb war diese Führung für mich mehr als interessant, gerade weil ich tatsächlich zu wenig über das "Innenleben" dieser klassizistischen Bauten weiß. Sie alle entstanden zur Zeit König Ottos, unter der Federführung der Architekten Theofil von Hansen und Ernst Ziller - wobei die handwerkliche Ausführung (auch der Malereien und Skulpturen) allein griechischen Künstlern vorbehalten war.

Die Führung dauerte anstatt der angekündigten eineinhalb Stunden fast geschlagene drei Stunden, ein wirklich toller Kunstgeschichtsprofessor der Athener Universität und drei seiner Doktoranden boten mit ihren ausführlichen Vorträgen und Erklärungen höchstinterssante Einblicke in die Geschichte und die künstlerische Bedeutung dieser drei Bauwerke. So vieles wurde erzählt, so vieles erklärt, so viele Fragen - von auch sehr kundigen Besuchern - geduldig und kenntnisreich beantwortet. Und ein Glücksfall, wenn die hochbetagte Enkelin eines der herausragenden Bildhauer, der an diesen Bauwerken mitarbeitete, mit herrlichen Anekdoten aus dem Leben des Großvaters diese Führung bereichert. Viel zu viel, um dies auch nur in Ansätzen hier zusammenfassen zu können.


Da dieser Blog vor allem auch um Bücher geht, möchte ich hier deshalb nur kurz in paar Bildern die wunderschöne Athener Nationalbibliothek vorstellen:


Die imposante Aufgangstreppe - ein kleines witziges Detail befindet
sich am oberen Ende der Treppe: Eine in Stein gemeißelte kleine Echse,
die man leicht übersieht. Sie gehört zur Detailversessenheit von Ernst Ziller,
der solche kleinen "Dekorationen" liebte ...

Und gleich in der Einganghalle sind sie: die guten alten hölzernen
Karteikästen, so wie ich sie auch noch aus meinen Studienzeiten in
der Münchner Staatsbibliothek und den Universitätsbibliotheken kenne ...

Der Katalog der fremdsprachlichen Autoren ... welche Schätze
mögen sich darin verbergen!? 

Der Eingang zum Lesesaal
Das riesige Glasdach läßt Tageslicht einfallen,
die ionischen Säulen - ganz in klassizistischer Manier -
geben dem Raum seine Kontur. 

Hinter den Säulen die "unendlichen" 
Bücherschätze - und ein Besucher, der
die Szenerie auf sich einwirken läßt ...

Ein Kuriosum für mich: Gleich im ersten Regal rechter
Hand befindet sich die Brockhaus-Enzyklopädie! 

Auf den wunderbaren alten, "verbrauchten" Holztischen
mit ihren grünen Leselampen liegt so mancher alter Schatz ...

Wer mag darin zur Zeit wohl forschen?

Und hier noch ein kleines Detail: 

Ernst Ziller war - wie oben schon bemerkt bei der Eingangstreppe mit der kleinen Echse - ein detailverliebter Künstler und Architekt. So befinden sich an allen Bücherregalen seltsame hölzerne Bretter und eiserne Streben mit Handgriffen. Man beachtet dies fast nicht. Was hat es nun damit auf sich? Dies sind hölzerne Stufen und eiserne Handgriffe, die es dem Besucher erleichtern, Bücher aus den höheren Regalen bequem zu entnehmen. Tja, auf solche "Tricks" kamen die "alten" Architekten! Die Führerin zitierte mit verschmitztem Lächeln die Worte der stellvertretenden Bibliotheksleiterin: "So etwas finden Sie nicht einmal in der neuen, hypermodernen Bibliothek im Stavros-Niarchos-Kulturzentrum!" 😏

Nachtrag: Erst vor kurzem wurde hier in Athen das Stavros Niarchos-Kulturzentrum eingeweiht. Dorthin wird nun auch die Nationalbibliothek verlegt werden. Eine Mitarbeiterin der Nationalbibliothek informierte uns, daß deswegen die "alte" Nationalbibliothek keineswegs ausgedient hätte, denn selbst in der riesigen neuen Bibliothek fänden nicht alle Schätze der Nationalbibliothek Platz. 
Gott sei Dank, kann man da nur sagen! Weiterhin steht der Lesesaal der Nationalbibliothek allen Besuchern von 8-15 Uhr offen. Es wäre ja auch geradezu sträflich, wenn so ein schönes Gebäude und dieser wunderbare alte Lesesaal nicht mehr genutzt würden!

Sonntag, 14. Mai 2017

Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor irgendetwas stehen, das wir nicht gleich restlos erklären können. - Christoph Schlingensief

Das Problem aller zeitgenössischen Kunst: Was hat es nicht schon einmal gegeben, was fällt wirklich aus dem Rahmen der modernen und postmodernen Kunst des 20. Jahrhunderts heraus? Die Kunst bietet ja keine neue Medien: Malerei, Skulptur, Performance, Land Art, Installation, Video, Photographie und all die daraus resultierenden hybriden Formen. Was bleibt dem zeitgenössischen Künstler also, um innerhalb dieser Medien etwas Neues zu kreieren? Oder ist die zeitgenössische Kunst gefangen in unumgänglichen Rückgriffen auf Moderne und Postmoderne? Wie gehen zeitgenössische Künstler mit den bedeutenden Umwälzungen dieser beiden Kunstepochen um? Wie können sie sie weiterentfalten?
Mit diesen Fragen betrat ich heute die documenta-Ausstellung im neuen Athener Museum für zeitgenössische Kunst, EMST. Der Umbau der ehemaligen Fix-Bierfabrik ist beeindruckend gelungen: Klare Formen, hohe, lichterfüllte Räume. Wie in vielen modernen Museen hat man sich auch im EMST für weiße Wände (und den obligatorischen blassen Laminatfußboden) entschieden und folgt damit dem bereits aus dem frühen 20.Jahrhundert stammenden Konzept des "White Cube" - ein Ausstellungskonzept, das bewusst die umgebende Architektur vor dem Kunstwerk in den Hintergrund treten lassen sollte. Mittlerweile hat dieses puristische Konzept aber auch Gegner gefunden, die nicht zu Unrecht bemängeln, man "neutralisiere" damit die Kunst und reiße sie aus ihrem gesellschaftlichen Umfeld ...

Wie ich immer wieder feststelle, tue ich mich persönlich mit der zeitgenössischen Kunst um einiges schwerer als mit der modernen und postmodernen des vergangenen Jahrhunderts. Dies mag sicherlich auch damit zu tun haben, dass ich mich nur marginal mit zeitgenössischer Kunst beschäftige, wohingegen mir das 20. Jahrhundert mit seinen so innovativen und herausragenden künstlerischen Ideen immer wieder aufs Neue interessant erscheint. Nun ja, mit soviel "Nichtwissen" beglückt, kann man so eine zeitgenössische Ausstellung immerhin recht vorurteilslos aufsuchen und einfach erstmal nur "schauen" ...
Verteilt auf drei Stockwerke bietet sich dem Besucher eine recht vorhersehbare Kunstsammlung: Malerei (leider wenig), Photographie, Installation, Skulptur, Video und Klang ... Themenbereiche waren nur punktuell auszumachen, ein ausstellerisches Gesamtkonzept, das an das Motto dieser documenta ("Learning from Athens") anknüpft,  hat sich mir nur in manchen Einzelwerken, aber nicht übergreifend erschlossen, aber vielleicht habe ich es einfach auch nicht verstanden . 😏 Dazu ist zu bemerken, dass man sich als Besucher aufgrund der sehr dürftigen Beschriftungen der einzelnen Objekte relativ verloren vorkommt; vom museumspädagogischen Standpunkt aus kann die Ausstellung leider so gar nicht überzeugen und so manches hätte besser gemacht werden können (z.B. auf Cavaletti präsentierte Bilder, wobei aber eines das andere halb verdeckt und man den Besucher damit zwingt, sich um diese Cavaletti herum einen Weg zu bahnen und gleichzeitig zur Folge hat, daß man viel zu nah vor den Gemälden stehen muss und ihre Wirkung aus entsprechender Ferne nicht beurteilen kann, was bei Gemälden unbedingt gegeben sein muss; bei manchen Objekten musste man die Beschreibungen und dürftigen Künstlerinformationen krampfhaft suchen - sie waren -wohl als sehr innovativ gemeint - meist am Boden aufgeklebt, aber darüber hinaus nicht immer leicht zu finden oder dem richtigen Objekt zuzuordnen... ).

Nichtsdestotrotz haben mich einige Kunstwerke sehr beeindruckt.

Die wohl auffallendste Installation ist die viele Meter hohe "Quipu Womb" der chilenischen Dichterin und multidisziplinären Künstlerin Cecilia Vicuna (geb. 1948), die nicht zu Unrecht in den Medien vielfach gewürdigt wurde:





















Ebenso erstaunlich die zu einer 11 Meter breiten Wandmalerei zusammengefügten Gemälde des Inders K.G. Subramanyan (1924-2016), der sich als ehemaliger Ghandi-Aktivist ein Leben lang mit der Trennung der Menschen durch Kultur, Sprache oder Religion künstlerisch auseinandersetzte:


Eine sehenswerte Installation ist auch eine Zusammenstellung von Werken verschiedener Künstler, dem antiken Schönheitsideal und der Herstellung (und endlosen Reproduktion bis hin zum Kitsch) von antiken Statuen gewidmet. Eine Plastik-Gießform für eine riesige Poseidon-Statue als Blickfang dieser Installation, die dann aber bei genauerem Hinsehen vor allem in ihren Photocollagen Interessantes zu bieten hat - Rassentheorien und Hitler inbegriffen (auf ihn werde ich später nochmal zurückkommen).


Wirklich bewegt haben mich aber vor allem drei Künstler, die ich Euch kurz vorstellen will:

Da ist zunächst die israelische Künstlerin Yael Davids, die mit ihrer Hommage an die deutsch-jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler auf dieser documenta vertreten ist: Neben Texten über Lasker-Schüler, die teilweise ausgeschnitten und in Collagen wieder zusammengefügt sind, beeindruckt ein unauffälliges, simples weißes DIN A-4 Blatt mit dem Gedicht "Dem Barbaren" aus dem Jahre 1911 (hier die Originalfassung  ) - aufgestickt mit dem Haar von Yael Davids ...



Ähnlich arbeitete auch die sardische Künstlerin Maria Lai (1919-2013) mit Papier und - diesmal echten - Fäden, mit denen sie ihre Papierbögen teilweise maschinell bestickte und zu Collagen zusammenfügte. Beim ausgiebigen Betrachten dieser Werke gesellte sich eine junge Frau zu uns und erzählte uns kurz die Lebens-geschichte der Künstlerin. Und tatsächlich sah man nach diesen Informationen ihre Werke nochmals in einem anderen Licht: Geboren in einem abgelegenen sardischen Dorf, ohne Zugang zu öffentlichen Schulen, konnte sie erst relativ spät das Lesen und Schreiben erlernen. Ein Onkel wollte ihr eines Tages eine Schreibmaschine schenken, was sie aber ablehnte und lieber eine Nähmaschine haben wollte. Danach begann sie erste Experimente, ihre Texte auf Papier zu "nähen". 
Eine andere Collage zeigt die wundervolle kalligraphische Handschrift von Lai, aber auch da wurden die einzelnen Blätter zusammen- oder übernäht. Einige der Papiere sind verkehrt herum aufgenäht  - ein Hinweis, dass man sozusagen immer auch "hinter" das Geschriebene schauen soll oder alles seine zwei Seiten hat?




Ein weiterer ganzer Raum ist dem interessanten österreichischen Künstler Lois Weingerber (geb. 1947) gewidmet. In kleinen, profanen Pappschachteln sind Funde, die er in der Umgebung des heimatlichen Bauernhofes ausgegraben hat, zu seltsam anmutenden Collagen zusammengestellt. Darunter so Profanes wie Steine, Hölzer und Ähnliches, aber auch Babykleidung, verrottete Buchseiten, Tonscherben, Schuhe, Tierkadaver und vieles mehr. Ein Panoptikum menschlichen Daseins und natureller Relikte, auf ganz anrührende Weise dem Vermodern und Vergessen entrissen ...


Neben der ganz oben erwähnten Vicuna waren diese drei Künstler für mich ganz persönlich die beeindruckendsten dieser Ausstellung. Noch einige Einzelkunstwerke wären zu erwähnen, aber das würde diesen Blog hier sprengen. Hinweisen will ich nur noch auf eine Installation, die von mir als Deutsche natürlich nicht unbemerkt bleiben konnte (und auch von keinem anderen Besucher, denn die großflächigen Hitlerbilder sind nicht zu übersehen):



In deutscher Schrift sind Namen, Geburts- und Todesdaten von Homosexuellen, die unter Hitler in verschiedenen Konzentrationslagern umkamen, auf die Gemälde geschrieben. Damit schloss sich der Kreis zu der oben erwähnten Installation, das antike griechische Schönheitsideal in der Skulpturenkunst betreffend. Man könnte in diesem Rückgriff auf den "Greek Way" gar eine Brücke zu Griechenland geschlagen sehen, so wie es das Motto der documenta und der Ausstellungsort Athen anbieten, bei diesem speziellen Thema hätte ich mir allerdings eine wirklich zeitgenössische Herangehensweise gewünscht, denn das Thema der Verfolgung Homosexueller ist auch im 21. Jahrhundert in vielen Ländern der Welt leider noch brisant genug und sicher ließen sich Künstler finden, die aktuelle Erfahrungen künstlerisch thematisieren.

Man kommt nicht umhin sich zu fragen, nach welchen Kriterien Künstler für so eine Ausstellung ausgewählt werden. Manches erschien mir tatsächlich nicht des Ausstellens wert, manches hätte thematisch ausgebaut werden können, manches erschien mir erst durch den Vorgang des Ausgestelltwerdens überhaupt zur Kunst erhoben zu werden  - allerdings leider nicht im Sinne von Duchamps Readymades.
So verließen wir das Museum mit so manchem Fragezeichen im Kopf. Das obige Zitat von Schlingensief hat sich nicht so ganz erfüllt 😉 Etwas sehr kühl ist das Ganze dann noch inszeniert: Stellenweise hat man das Gefühl, dass etwas "fehlt", dass mehr Kunst hätte Platz finden können. Man spürt, dass dieses Museum noch nicht "eingelebt" ist und eher einer frisch bezogenen Wohnung gleicht, die ihre "Aura" noch nicht gefunden hat. Aber das wird hoffentlich noch kommen. Und so darf man gespannt sein auf die kommenden Ausstellungen - wenn die documenta vorbei ist.










Dienstag, 2. Mai 2017

Die deutsche Leitkultur ...

Und schon wabert wieder so ein Wort durch die Presse und erschlägt die deutsche Öffentlichkeit, das mich zur Weißglut bringt: Die deutsche „LEITKULTUR“ – erst gestern wieder heraufbeschworen von einer der zahllosen, tragischen politischen Fehlbesetzungen, seines Amtes deutscher Innenminister. 
Zustimmung oder Häme in der Presse, zahllose national-bräunlich-gefärbte Kommentare in den sozialen Medien und so manch ironisch-satirisch gefärbter Beitrag, der noch am ehesten Sinn machte in diesem so sinnfreien Zusammenhang …
Sucht man das Wort im Duden oder in einem Etymologie-Lexikon, wird man gewahr, dass es sich um eine der bekannten politikersprachlichen Neuschöpfungen handelt, die jeglichen Tiefsinns oder gar Bedeutung entbehren. Zerlegt man dann das Wort, stößt es mir sauer auf:
Leit-Kultur! Wovon, bitteschön, soll ich mich kulturell „leiten“ lassen? Und wer bestimmt denn das, wovon ich mich „leiten“ lassen soll? Warum müssen wir Deutsche uns eigentlich immer von irgendetwas „leiten“ respektive "führen" lassen? Können wir nicht selbst denken? Brauchen wir politische Nebelkerzen, die uns so überaus generös vernebelnd erklären, wie unsere Kultur auszusehen hat und woran sich „der“ Ausländer gefälligst zu orientieren hat (und genau hier, verehrter Leser, liegt nämlich der Hund dieses Begriffes begraben!)?
Und wenn wir schon über „die“ deutsche Kultur sprechen wollen, wer wäre denn am ungeeignetsten dafür als unsere Politiker jeglicher Couleur?!
Und noch ein abschließender Gedanke: Haben wir das Ganze nicht schon einmal erlebt vor nicht allzu langer Zeit, als ein Mann und eine Partei sich aufmachten, das deutsche Volk zu „führen“? Nicht umsonst paraphrasiert der Duden das Wort als "führende Kultur"!
Insofern verwundert es nicht, dass dieses Wort von (rechts)konservativen Parteifunktionären erfunden wurde …