Samstag, 29. April 2017

Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten. - Roger Willemsen

Es gibt Texte, die hauen einen geradezu um und lassen den Leser irgendwie "erschlagen" zurück - im positiven und negativen Sinne.
So erging es mir heute Mittag nach der Lektüre des posthum erschienenen Büchleins "Wer wir waren" von Roger Willemsen.
Der Text besteht im Wesentlichen aus der letzen öffentlichen Rede des Autors. Sein nächstes Buch hätte daraus werden sollen, geschafft hat er es leider nicht mehr. Die Herausgeber haben Willemsens Notizen zu dieser Rede mit berücksichtigt, und so hält man einen Text in der Hand, bei dem man sich ausmalen kann, welch vorzügliches Buch daraus wohl entstanden wäre ...

Diese "Zukunftsrede" beleuchtet unsere heutige Welt und unser Dasein in ihr vom Blickwinkel einer fernen Zukunft aus. Wir sehen also quasi auf uns selbst zurück. Willemsen hält im Wesentlichen (aber nicht nur) ein Plädoyer gegen die fatale Rasanz unserer Zeit mit all ihren im Grunde absehbaren Folgen:

Unsere Existenzform ist die Rasanz. (...) Alles Großaufnahme, alles äußerste Steigerungsform, und wir dazwischen , die umkämpften Abgekämpften. (...) Wenn es also wahr ist, dass wir atomisiert leben, in kurzen Etappen der Präsenz, getrieben vom Etcetera, in einer impulsiven Kultur, aufgelöst in Zonen der peripheren Wahrnehmung, des dezentralen Blickens, dann wäre es eine Voraussetzung für alle Botschaften von verallgemeinerbarem Gehalt, im Sinne Nietzsches dem Auge die Geduld anzugewöhnen, den Impuls zu korrigieren. Im Zögern unterscheidet sich das Denken von der Arbeit. In der Unschlüssigkeit, der verweilenden, unabgeschlossenen Geste, in der Trägheit sogar tun sich Zustände der Sammlung auf. Dieses nicht effiziente, abirrende, irgendwie ausgesetzte Verhalten zur Welt, eines, dem keine App zu Hilfe eilt, dieses desorientierte, sich selbst überlassene Treiben ist im Kern poetisch, aus der Zeit gefallen und deshalb geeignet, ihre Betrachtung aus der Halbdistanz zu stimulieren. 


Der Text ist anspruchsvoll, manchmal auch sperrig, wiederholtes Lesen einiger Textstellen war - zumindest für mich - unumgänglich. Am Ende schließt man das Büchlein, bleibt atemlos, gedankenverloren und angerührt zurück und weiß, dass man es auf jeden Fall nochmals lesen wird. So viele Gedanken, so viel Bedenkenswertes hat dieser viel zu früh verstorbene Autor und beneidenswerte Denker dem Leser da aufgebürdet.

Willemsen bescheinigt uns in seinem  quasi vorausschauenden Rückblick eine Zeit, in der Mensch, Politik, Umwelt und Gesellschaft in einer desaströsen Abwärtsspirale gefangen sind, "obwohl es diese Zeit geradezu zur moralischen Pflicht erhoben hatte, sich nicht einverstanden zu erklären, Kritik als einen Akt der Besonderung, der Abspaltung, ja der Individuation zu interpretieren." Dass wir zu all dem nicht fähig sind, dass wir Glücksrittern gleich unser Dasein verspielen, ohne an die nachfolgenden Generationen zu denken, lässt den Autor in tiefster Resignation, aber vielleicht auch in aufrüttelnder Anklage zurück:


                                    "Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht,
                                          noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat."

 (Hier noch die interessante Rezension von Iris Radisch.)