Samstag, 8. April 2017

Man muß mit den Bildern allein sein. Man muß sich vor den Audiogeräten hüten. Die Bilder sind scheu, sie brauchen Ruhe. - Angelika Overath

Wie meine Blogleser wissen, schreibe ich hier fast nur über die Bücher, die ich nach dem Lesen irgendwie weiter in meinem Herzen tragen werde. Dieses hier gehört nun dazu. Von einer lieben Freundin ausgeliehen, die ganz richtig vermutete, daß es mir besonders gefallen könnte ...
Die fünfzigjährige Anna wird überraschend von ihrem Mann wegen einer Jüngeren verlassen. Ihrem ersten Impuls folgend, begibt sie sich mit spärlichem Handgepäck auf eine Reise ins Unbekannte, die sie nach u.a. nach Schottland, Skandinavien, Amerika, Holland und Paris führen wird. Sie beginnt eine Reise in berühmte Museen dieser Orte und wird dort von jeweils einem Bild "angesprochen" - so erfährt sie Vieles über die in den Bildern abgebildeten Frauen, die von ihrem Leben erzählen, den Gründen, warum sie als Bildmotive ausgewählt wurden und in welcher Beziehung sie zu den jeweiligen Malern standen. All diese Frauen sitzen mit dem Rücken zum Betrachter, aber wundersamerweise drehen sie sich zu Anna um ... Sie begegnet Bildern von Gaugin, Hopper, Segantini, Ingres u.a. .
Anna vertieft sich in diese Bilder, hört den Frauen zu und begreift so auch manches in ihrem eigenen Leben,  Am Ende ihrer Reise in die Kunst und zu sich selbst ist sie eine Andere geworden ...

Die Autorin schreibt eine ruhige, schnörkellose Sprache, die den unaufgeregten Charakter der Protagonistin widerspiegelt. Die Bildbeschreibungen und Bildinterpretationen sind faszinierend, zeugen von der bemerkenswerten Beobachtungsgabe der Autorin und machen beim Lesen tatsächlich Lust auf den nächsten Museumsbesuch. Kleiner Lesetipp: Hilfreich ist auf jeden Fall, die Lektüre des Romans ab und an zu unterbrechen und sich die Bilder im Internet anzusehen, um dem Geschriebenen auch folgen zu können.

Ein ganz kurzer Einschub im Roman, der aus dem Schema der beschriebenen Museumsbilder ausbricht, ist die Konfrontation der Protagonistin mit einem aktuellen Zeitungsbild von vor Lampedusa ertrunkenen Flüchtlingen. Meisterhaft und berührend, wie die Autorin sich diesem schrecklichen Bild auf wenigen Seiten im Roman annähert:

Jetzt sah sie dreizehn Körper nebeneinander aufgereiht gleich hinter der Wasserlinie. Wie eingepackt, oder verpackt.... Und wenn Anna nun blitzartig (entgegen ihrem Verständnis) an Kunst dachte, war das hier doch einfach nur Leben. Oder eben nicht mehr Leben. Ein radikales Ready-Made. ... 
Sie sah die eingehüllten Körper, wie sie so aufgebahrt - aber sie waren ja nicht aufgebahrt! - nebeneinander liegen. Einer längs neben dem anderen, jeder ein wenig verschieden unter seinem sehr weißen Tuch, auf einem weißen, freilich weniger weißen, nassen Sandstrand, vor dem graublauen Saum des Meeres. ... Allein vor Lampedusa sollen bislang 20000 Menschen ertrunken sein. Wiederholt hatte Anna diese Zahl gelesen. Immer war dagestanden "etwa 20000". Nie hatte eine Zeitung geschrieben "etwas 20007". Dabei wäre das genauso richtig oder falsch gewesen. Bei einem Sonderangebot hätte man vielleicht 19999 geschrieben. Die Zahlen in ihrer ungefähren Ungeheuerlichkeit waren bekannt. Wie die Gründe für die Fluchten, die Umstönde der Überfahrten. Normale Skandale im Abendfernsehen, gemütliche Schanden. Warum also sah sie jetzt so genau hin? Warum konnte sie sich nicht von diesen Bildern lösen?
Es waren die Füße.... Füße unter einem zu kurzen Leintuch. ... Bei fast allen jungen Toten kippten, da sie auf dem Rücken lagen, die Füße nach außen, wie Hände, die einen Ball fangen wollten. Da die Öffnungswinkel und die Größe der Füße verschieden waren, hatte ein jeder doch sein eigenes Profil, sein Muster, das in dieser Situation ein Ersatzgesicht war. Der Drittletzte der Reihe hatte die Füße übereinandergelegt, als falte er sie. 
Anna berührte den Bildschirm. Die Paare der Füße waren so klein, daß sie auf ihrer Fingerspitze Platz hatten. Noch vor ein paar Stunden waren diese Füße groß gewesen, zu lebendig für ein Photo. Man hätte sie noch leicht wärmen können. Hier, zieh doch Socken an, hätte man sagen können. Und dann mit warmem Atem pusten und mit den Händen rubbeln. Aber davor freilich hätte man ihnen entgegenschwimmen müssen. Jetzt aber konnte Anna nicht und auch sonst niemand mehr etwas gut machen.

Ein lesenswertes Buch, nicht nur für Kunstfreunde.