Samstag, 28. Mai 2016

"Mauerblümchen" ...

Ein wunderschöner Tag in der Altstadt von Athen liegt hinter mir. Dieser kleine Bücherstand fiel mir auf, aufgebaut vor einem baufälligen Häuschen inmitten der kleinen Gassen unterhalb der Akropolis. Wie schön und irgendwie auch ermutigend, wenn die Kultur doch immer noch ein verstecktes Plätzchen findet, gerade in diesen schwierigen Zeiten, fast so wie kleine Blumen, die sich ihren Weg durch Mauerbrüche suchen ...  Und vor dem Hintergrund, dass erst vor ein paar Tagen eine der größten Buchhandlungen im Athener Zentrum der Krise nicht mehr standhalten konnte und ihre Toren schließen musste.





Mittwoch, 25. Mai 2016

Kreativität ist funktionales Chaos im Kopf. - Aba Assa

In all den Wirren unserer Zeit, in all den überfallartigen Neuigkeiten in den Zeitungen, in all dem täglichen Überlebenskampf fällt es mir oft so schwer, mich noch auf das zu besinnen, das mir an meiner Arbeit Freude macht ...

In den letzten Monaten fehlt so oft die physische und auch die kreative Kraft, mit der ich ganz prosaisch auch mein täglich Brot verdienen muss. Kunden verlangen immer häufiger fast Unmögliches; da kein Geld vorhanden ist, will man für das Wenige, das man noch ausgeben kann, das Bestmögliche bekommen. Manche verlangen schlichtweg Unmögliches. Ideen und ihre praktische Ausführung müssen her, immer schneller, immer besser, immer billiger. Ein Kunde war heute ziemlich ungehalten, weil eine bestellte Schachtel noch nicht fertig war - eine absolute Sonderherstellung, kompliziert, verzwickt, zeitaufwendig, bei der man sich zudem keinen Fehler erlauben darf, weil das Material knapp und sehr teuer ist. Wie soll man dem Kunden plausibel machen, daß man für so einen Auftrag die nötige kreative und handwerkliche Ruhe braucht? Was früher als Kunsthandwerk dankbar gewürdigt wurde, ist heute nur noch Allerweltsware... Nach so einem Arbeitstag fühle ich mich dann ausgepresst wie eine Zitrone. 
Nur noch sehr selten, am späten Nachmittag, am frühen Abend oder am Wochenende habe ich noch Lust, kleinere neue Ideen auszuprobieren. Seit vielen Wochen spukt jedoch die Vorstellung von größeren Objekten in meinem Kopf herum, die Vorstellung von luftigen Kleiderskulpturen,  inspiriert von Künstlern, die Papier als Werkstoff für wunderbare Kreationen entdeckt haben:




Mal sehen, wann ich Zeit und Muße finden werde, all dies auszuprobieren und zu verwirklichen. Die fertigen Bilder im Kopf existieren bereits, eine entsprechende Schneiderpuppe als Form steht seit Wochen schon in meiner Werkstatt. Die praktische Umsetzung allerdings verlangt innere Ruhe und auch unbeschwerte Zeit, die ich momentan irgendwie nicht in mir selbst finden kann angesichts der brennenden Probleme um mich herum ...

Und wenn ich gar mich selbst der Welt "entziehen" will, dann lese ich - allein dies hat mir die Krise noch nicht genommen! 

Dienstag, 10. Mai 2016

Griechenland - im freien Fall ...

Ein Facebook-Freund bat mich neulich, ob ich nicht ein paar Worte aus meiner Sicht zum Leben als Selbständige hier in Griechenland schreiben könnte. Aber wie könnte man die heutige Lage der kleinen und mittelständischen Unternehmer in diesem Land am besten beschreiben? Ich kann nur von meiner kleinen Manufaktur ausgehen und es versuchen:
Es gibt meine Buchbinderwerkstatt nun seit genau 20 Jahren. Noch bis vor einigen Jahren beschäftigten wir sechs Angestellte und exportierten einen Teil unserer Produktion nach Zypern, Deutschland und Österreich. Unser kleiner Betrieb war keine Goldgrube, aber wir waren zufriedene "Mittelständler" mit den normalen Hochs und Tiefs, die so ein kleiner Betrieb eben über die Jahre erlebt.
Dann kam der Euro, und langsam verringerten sich unsere Exporte - unsere Produkte wurden zu teuer. 2008 brach die weltweite Finanzkrise aus, die politische und wirtschaftliche Lage in Griechenland spitzte sich rasant zu. Schon bald konnten sich viele meiner Kunden unsere aufwendig hergestellten Produkte nicht mehr leisten und kauften lieber Billigware aus China. Der Umsatz verringerte sich noch mehr. Wir mussten mit der Zeit einen Mitarbeiter nach dem anderen entlassen. Mein Berufsstand dünnte sich zunehmend aus, eine alteingesessene Buchbinderei nach der anderen hier in Athen musste aufgeben. Was als fernes Donnergrollen begann, wuchs sich zu einem Sturm aus, der uns mitreissen sollte.
Regierungen gaben sich die Klinke in die Hand. Ein schon 2012 notwendiger Schuldenschnitt wurde von den Gläubigern verweigert. Stattdessen wurden Memoranden unterschrieben. Die vielbeschworene "Griechenlandrettung" wurde zu 95% eine Rettung der Banken. Die aufgezwungenen Sparmaßnahmen legten die Kaufkraft der Menschen und die Wirtschaft lahm. Konkurse, Entlassungen, Massenarbeitslosigkeit, wiederholte Renten- und Lohnkürzungen bei gleichzeitigen Steuererhöhungen ohne Ende - der ganze Irrsinn, der ganz aktuell noch immer weitergeht. Das griechische Volk verarmte zusehends, vor allem das Unternehmertum, ehemals die treibende Kraft der griechischen Wirtschaft, wird fast systematisch ausgehungert. Der versprochene Aufschwung? Fehlanzeige. Natürlich. Aber all dies ist "große" Politik mit weitverzweigten Interessen, vom einfachen Bürger kaum noch nachvollziehbar.

Was bedeutet es in der Praxis für mich und viele andere kleine und mittelständische Betriebe?
Höhere Abgaben, überhöhte Mehrwertsteuer, in Kürze sogar 100%ige Steuervorauszahlung. Bei der gleichbleibenden schlechten Auftragslage arbeiten wir wortwörtlich nur für das tägliche Überleben. Laufende Kosten, Umsatzsteuer, überteuerte Krankenversicherung und Arbeitgeberabgaben - all dies sind Beträge, die sich nicht jeden Monat so einfach erwirtschaften lassen. Die neu eingeführte Einkommensteuervorauszahlung für Selbständige wird bei vielen von uns wohl nur schon bestehende Schulden erhöhen oder aber zum endgültigen Sargnagel werden. Im ersten Quartal 2016 schlossen bereits 78% mehr Unternehmen als im gleichen Vorjahreszeitraum!
Natürlich gibt es gleichzeitig auch Startups: Viele Arbeitslose nehmen staatliche Hilfen zur Unternehmungsgründung in Anspruch, leihen sich Geld oder investieren ihren letzten Pfennig. Sie eröffnen kleine Unternehmen in der Hoffnung, davon leben zu können - mit meist ungutem Ausgang angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage. Und so sind auch sie dann oft nur weitere Kleinunternehmer, die nach kurzer Zeit mit Schulden auf dem Buckel dastehen.

Der Staat bzw. die Gläubiger versprechen sich von all den harten Sparmaßnahmen mehr Einnahmen. Aber wie kann ich meinen Verpflichtungen denn noch nachkommen? Um überhaupt noch auf dem Markt bestehen zu können, bin ich gezwungen, fast nur noch "maßgeschneiderte" Einzelanfertigungen zu deutlich gesenkten Preisen herzustellen - bei steigenden Materialkosten und unverhältnismäßig hohem Arbeitsaufwand. Und so bleibt - im besten Fall - am Ende eines Monats kein Cent übrig. Umsatzsteuer, Einkommensteuer, Renten- und Krankenversicherung und Arbeitgeberbeiträge? Ein ewiger Kampf gegen Windmühlen! Heute hörte ich im Radio, daß nach den erst vorgestern beschlossenen weiteren Maßnahmen die griechischen Unternehmer 65 % ihres Einkommens an Steuern und Abgaben zu leisten haben werden!

Manchmal denke ich mir dann: Eine merkliche Absenkung der Mehrwertsteuer würde die Preise senken, die Kaufkraft der Kunden erhöhen, damit die Wirtschaft wieder etwas ankurbeln und nebenbei auch den um sich greifenden "Schwarzmarkt" verringern. Eine merkliche Senkung der Steuern und Beiträge würde dem Staat sicher zuverlässigere Steuereinnahmen bringen als es momentan der Fall ist. Uns Unternehmern würden diese Senkungen etwas Luft zum Atmen geben, unsere Umsätze veilleicht etwas verbessern, keine weiteren Schulden generieren und vielleicht nötige Investitionen oder sogar die so dringende Schaffung von Arbeitsplätzen ermöglichen.
Zu einfach gedacht, werden jetzt viele sagen. Stimmt, aber ich bin kein Ökonom und kann nur von meiner kleinen Manufaktur mit ihren Nöten ausgehen ...
Daß viele der aufgezwungenen Reformen notwendig und oft auch richtig waren, bestreitet hier in Griechenland niemand. Aber Reformen müssen so klug und mit Bedacht durchgeführt werden, daß sie die Wirtschaft eines Landes nicht vollkommen lahmlegen und die Menschen nicht in die Verarmung treiben. Harte Sparmaßnahmen bedeuten nicht gleichzeitig zukunftsträchtige Reformen, die die Wirtschaft ankurbeln und damit einen Abbau der Verschuldung des Einzelnen und des Staates ermöglichen würden!

Freunde in Deutschland fragen mich dann oft ganz naiv und besserwisserisch: Warum schließt Du nicht, wenn Dein Betrieb keinen Gewinn mehr abwirft und Du auf die Dauer Schulden anhäufst?
Ganz einfach, ich KANN es nicht. Erstens gibt es in Griechenland keine Sozialhilfe, wovon sollte ich also bitte leben? Zweitens würde ich keine Arbeit mehr finden - bei einer Arbeitslosenquote von 24% (4,2% in Deutschland) und aufgrund meines Alters natürlich. Viele Kleinbetriebe müssen also trotz Schulden und einbrechender Umsätze weitermachen. Viele dieser Menschen haben Familien und können ihre Betriebe nicht einfach schließen, wovon sollten sie ihre Kinder denn ernähren? Viele haben inzwischen arbeitslose Familienmitglieder, die sie irgendwie unterstützen müssen und, und, und ... Es gibt so viele verschiedene traurige Szenarien allein in meinem eigenen beruflichen Bekanntenkreis.

So ist diese Krise mitsamt ihren politischen Irrwegen für viele Kleinbetriebe in Griechenland zum Teufelskreis geworden: Diejenigen, die am Ende doch aufgeben müssen, weil sie selbst die eigenen Lebenshaltungskosten nicht mehr erwirtschaften können, haben im besten Fall das soziale Auffangnetz der Familie, um nicht sofort auf der Straße zu landen. Diejenigen, die "irgendwie" weitermachen, wissen, dass sie bei weiterhin anhaltender Krise aus der Schuldenfalle vielleicht nie mehr herauskommen werden.

Das Leben als Kleinunternehmer im Griechenland von Heute bedeutet also nicht selten, die Zukunftsgedanken so gut es geht auszublenden. Krank werden? Bitte bloß nicht! Rente? Woher und wieviel am Ende? Hoffnung auf bessere Zeiten? Wohl kaum, angesichts der wirtschaftlichen Lage und der europäischen politischen Ränkespiele.
Wie lebt es sich angesichts dieser Rat- und Auswegslosigkeit? Ich persönlich versuche verzweifelt, den Kopf hoch zu halten, mich jeden einzelnen Tag irgendwie neu zu motivieren, um überhaupt meine Arbeit weiter verrichten zu können. Viele schämen sich dafür, daß ihre Betriebe, gerade wenn es alte Familienbetriebe waren, in die roten Zahlen gerutscht sind. Oft erzählt man sich die Wahrheit nur hinter vorgehaltener Hand. Und nicht alle können diesem täglichen existenziellen und psychischen Druck standhalten. Aber das ist wieder ein anderes trauriges Thema ..