Donnerstag, 31. März 2016

Nullnummer... in fast jeder Hinsicht - leider ...

Und so ist er nun endlich gelesen, der letzte - zu seinen Lebzeiten - veröffentlichte Roman von Umberto Eco. Irgendwo las ich in den Nachrufen, ein weiteres Romanmanuskript läge noch vor und würde posthum veröffentlicht werden. Wir werden sehen.
Nun aber zu diesem, von seiner exquisiten und sorgfältigen Aufmachung her, äußerst einladenden Buch.
Mailand 1992. Einige Redakteure werden versammelt, um eine Zeitschrift zu machen, die aber kurioserweise nie erscheinen soll. Für dieses Unternehmen rekrutiert man auch der Ghostwriter Colonna, der zeitgleich einen Roman über diesen geplanten Betrug schreiben soll. Zunächst lässt sich das Ganze recht interessant an, aber im Verlaufe der Geschichte fragte ich mich immerzu, wann es endlich "zur Sache" geht...
Eco spart nicht an exzellenten Spitzen gegen Männer wie Berlusconi oder gegen die fragwürdige Machart von Zeitungen. An diesen Textstellen blitzt er nochmal auf, der gewitze und umfassende Gelehrte, der genaue Beobachter seiner Zeit, der gnadenlose Analytiker. Aber auch die etwas bemüht anmutende Kriminalhandlung, die das Geschehen zusammenhalten soll, kann für mich das Buch am Ende nicht wirklich "retten".
Da Eco erst vor kurzem verstorben ist, hätte ich es mir so gewünscht, einfach noch einmal ein Meisterwerk im Stile von Der Name der Rose oder Das Foucaultsche Pendel in den Händen zu halten,  Dem war leider nicht so.
Dies bedeutet aber nun nicht, daß Eco meine Hochachtung verloren hätte. Nein, natürlich nicht. Zuviel Interessantes und Außergewöhnliches hat dieser Mann uns Lesern hinterlassen. Sein Lebenswerk - generell in kultureller Hinsicht - ist zu groß, als daß es das eine oder andere nicht so gelungene Buch schmälern könnte!

Donnerstag, 24. März 2016

Fluchten ...

Aus meiner aktuellen Lektüre ...
Anna Seghers Buch ist aus dem Jahre 1951 und beschäftigt sich mit den Flüchtenden aus Nazi-Deutschland und dem besetzten Frankreich.
Liest man das folgende Zitat, versteht man, daß "Flüchten" immer schrecklich ist, egal wann, von wo und wie ... So ist Literatur doch oft auch noch nach Jahren aktueller denn je:



Ein beeindruckendes Buch, nur empfehlenswert!

Donnerstag, 17. März 2016

Familiengeschichten ...

Fast ohne mein Zutun sind mir die letzen Wochen zwei Bücher in die Hände gefallen, die ich kaum mehr aus der Hand legen konnte. Beiden gemeinsam ist zufälligerweise, daß es sich um Familiengeschichten handelt, im ersten Fall um eine reale, im zweiten Fall um eine fiktive.
Beide Bücher möchte ich Euch hier kurz vorstellen, weil sie - meiner unwichtigen Meinung nach - lesenswert sind:

Ausgehend von der Erbschaft einer Vitrine voller kostbarer japanischer Netsuken macht sich Edmund de Waal auf die Suche nach der Provenienz dieser Netsuken und damit nach der Geschichte seiner jüdischen Familie, die - einst im 19. Jahrhundert von Odessa kommend - zu den einflußreichsten Bankiersfamilien in Paris und Wien gehörte. Mit unheimlicher Akribie folgt er den Spuren seiner Urgroßeltern, Großeltern und Eltern bis in die heutige Zeit. Das Bestechende dieses Buches ist die Verknüpfung von Zeitgeschehnissen und der Welt der Kunst und Literatur, hatten viele Familienmitglieder doch enge Verbindungen zu den Künstlern ihrer Zeit. Beeindruckend in seiner Intensität auch die chronologische Beschreibung - fast im Stundentakt - des Anschlusses Österreichs durch Hitler und seine direkten Auswirkungen auf den Familienzweig in Wien! Ein berührendes Buch, das u.a. jedem Kunst- und Literaturfreund eine Fundgrube sein kann.


Und nun das zweite Buch: Virginia Woolf! Beim Lesen wurde mir bewußt, daß ich die Geschichte der Familie Pargiter vor vielen Jahren schon einmal gelesen haben muss. Vielleicht als Studentin? Ich weiß es nicht mehr. Woolf erzählt die Geschichte vor allem der Frauen der Familie und umfaßt dabei die Zeitspanne von 1880 bis in die Gegenwart der Autorin um 1930. Sie zeichnet die Lebenswege dieser Frauen nach,  die zwischen totaler Anpassung an den Viktorianismus und dem offenen Ausbrechen aus diesen Mustern variieren. Über den Ersten Weltkrieg hinaus bis zum Aufflackern des aufkommenden Faschismus lernt man die Familienmitglieder vor allem durch die typische Schreibweise Woolfs kennen: durch das unbedingte Eintauchen in die innersten Gedanken- und Gefühlswelten der Figuren. Ein wunderbares Buch.

Donnerstag, 10. März 2016

Es gibt nur zwei "Rassen" ...

Die europäische Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in die sogenannten Gutmenschen und Schlechtmenschen (beides Wortschöpfungen, die dem Freund der deutschen Sprache an sich schon wehtun). Sogar der Begriff Humanität wird neuerdings zurechtgebogen, wie es jedem gerade zupass kommt. Auf politischer Ebene haben solidarisches und wagemutiges Handeln dem kruden Kalkül Platz gemacht. Mal wieder. Eine gemeinsam getragene Zukunft wagen? Eher nicht.

Und ich frage mich: Steht hinter diesen beiden Wortschöpfungen nicht einfach die grundsätzliche Frage nach unserer Anständigkeit?
Es ist ein Gebot der Anständigkeit, vor Krieg, Hunger oder aussichtsloser Zukunft fliehenden Menschen zu helfen, unabhängig von Hautfarbe oder Religion. Es ist ein Gebot der Anständigkeit, für jene einzutreten und jenen etwas abzugeben, denen es so viel schlechter geht als uns. Es ist ein Gebot der Anständigkeit, fremdenfeindliche Politiker und ihre dumpfen Mitläufer in ihre Schranken zu weisen. Es ist ein Gebot der Anständigkeit, jene zu unterstützen, die noch einen Rest freiheitliches Denken, Wagemut und Zuversicht an den Tag legen. Und so weiter und so fort ... 
Wenn ich an unser Heute denke, verwende ich bewußt nicht den Begriff der christlichen Nächstenliebe. Ich muß den Fremden neben mir auch nicht lieben, aber ich muß jeden Menschen neben mir anständig behandeln – nicht mehr und nicht weniger.
Vereinzelt liest man in den Medien vom „Aufstand der Anständigen“. Wäre es jetzt nicht an der Zeit, Europa?


P.S. Europa selbst soll übrigens, wie uns Homer berichtet, eine wunderschöne Prinzessin aus Phönizien gewesen sein, jenem Landstreifen auf dem heutigen Gebiet von Israel, Syrien und Libanon. Aber dies nur nebenbei bemerkt. 


Sonntag, 6. März 2016

Unter der Sonne Griechenlands ...

Und hier noch ein kurzer Nachtrag zu meinem gestrigen Bericht:
Heute fand am Athener Syntagma-Platz eine große Spendenaktion für die Flüchtlinge statt. Das Video zeigt, wie viele Menschen dem Aufruf Folge leisteten. Es freut mich ungemein, daß es auch in diesen, für die meisten Griechen sehr schwierigen Zeiten genügend Solidarität mit Jenen gibt, denen es noch schechter geht:

https://www.facebook.com/AthensLiveGr/videos/1678536209085076/


Die Situation in den Warenlagern am alten Flughafen heute war relativ ruhig. In den frühen Nachmittagsstunden kamen die ersten Lieferungen mit den Spenden vom Syntagma-Platz an. Richtig "heiß" wird es wohl erst ab morgen dort abgehen ...

HELPING HANDS DESPERATELY NEEDED:
https://www.facebook.com/groups/157689337908512/permalink/224893747854737/


Samstag, 5. März 2016

Realitäten ...

Vor ein paar Tagen gab es auf Facebook den Aufruf einer NGO, daß am Hafen in Piräus Helfer benötigt werden, um die täglich von den Inseln ankommenden Flüchtlinge zu versorgen.
Da ich an diesem Samstag mal keine Kundentermine hatte, beschlossen mein Mann und ich, uns auf den Weg nach Piräus zu machen und dort unsere Hilfe anzubieten. Als wir am Gate 1 ankamen, herrschte dort schon viel Betriebsamkeit. Es waren vielleicht um die 500 Flüchtlinge vor Ort - wir hatten mehr erwartet, aber die tägliche Überführung vom Hafen in die Aufnahmelager in und bei Athen funktioniert offensichtlich sehr gut. Etwas Chaos herrschte nur an der Sammelstelle für Spenden und der Ausgabestelle an die Flüchtlinge.
Niemand konnte uns so richtig einweisen. Es funktioniert eher nach dem Motto, jeder langt zu, wo Not am Mann ist. Wir mischten uns unter die Helfer, mußten aber bald feststellen, daß es nicht viel zu tun gab, weil einfach schon zu viele Freiwillige dort waren. Im Minutentakt kamen Athener mit Sach- oder Kleiderspenden. Im Minutentakt kamen mittlere Lieferwagen an und brachten Wasser, Brot, Säfte, Sandwiches, Windeln etc. In Windeseile bildeten sich Ketten, die die Waren in das angrenzende Lager transportierten. In all der Unübersichtlichkeit erstaunlich, wie gut das alles funktionierte. Als wir endlich eine "Zuständige" zu fassen bekamen, bat sie uns, doch lieber nach ELLINIKO, zum alten Flughafen von Athen zu fahren, wo sich in den leerstehenden Hallen die richtig großen Warenlager befinden. Dort würde noch so viel Hilfe gebraucht ...
Und tatsächlich, als wir dort ankamen, wurden wir in einer der 3 Lagerhallen, die von drei verschiedenen NGOs betrieben werden, freudig begrüßt und sofort "eingeteilt" - zum Sortieren der Kleiderspenden und zur Annahme der nicht abreißenden Spendenströme. Auch dort kaum ein anderes Bild als in Piräus - nur in so viel größerem Ausmaße: Unmengen an Kleider - und Sachspenden, Medikamenten, Lebensmitteln etc. Inmitten dieses Chaos zählten wir ca. 80 Helfer, die versuchten, dieser Spendenlawine irgendwie Herr zu werden - definitiv zu wenig Freiwillige, weil es zu wenig bekannt ist!  Zusammen mit nur 4 anderen Frauen machte ich mich also daran, Kleidung zu sortieren und in Kisten zu verpacken. Vor der Halle ein beständiges An- und Abfahren
von Lastwagen, die entweder Spenden brachten oder die bereits sortierten abholten zur Verteilung an die Aufnahmelager in ganz Griechenland. Jedes Aufnahmelager kann genauestens "bestellen", was gebraucht wird - z.B. nur Männerschuhe in Größe 43, nur Windeln, nur Babykleidung, nur Wasser etc. Die Lastwagen fahren rund um die Uhr, auch bis ins ferne Idomeni.

Zusammen mit zwei Griechinnen und einer Amerikanerin, die bereits im Sommer einen Monat lang auf Lesbos als Helferin gewirkt hatte, bildeten wir am Ende ein nettesTeam - auch wenn wir den Kleiderberg hinter uns mitnichten abbauen konnten. Ständig kamen Menschen mit weiteren Spenden. So ungefähr fühlt sich Sisyphos-Arbeit an!
Natürlich hatten wir auch mit diversen Imponderabilien zu kämpfen: Die von einer Firma gespendeten Kartons waren so gegen 16 Uhr alle verbraucht, Klebeband war auch nicht mehr aufzutreiben. Und so habe ich mich mit den 4 Frauen der "Kleider-Ecke" für morgen Vormittag wieder verabredet. Auf dem Heimweg sammelten wir noch vor einem Supermarkt Kartons ein und kauften auch ein paar Rollen Klebeband. Morgen findet am Athener Syntagma-Platz eine grosse Sammelaktion statt, deren Erträge im Laufe des Tages in die Lagerhallen am Elliniko zum Sortieren geliefert werden. Ich wage mir nicht vorzustellen, was dort alles morgen ankommen wird! Jedenfalls baten die Zuständigen schon heute jeden darum, morgen wiederzukommen und auch am Montag zwischen 10 und 14 Uhr.
Also, wer immer hier in Athen morgen oder übermorgen etwas Zeit erübrigen kann, es wird jede helfende Hand dringend benötigt!

 Eines ist mir heute klar geworden: Nicht hier, nicht in Deutschland, nirgendwo ist diese Flüchtlingskrise zu bewältigen ohne all die freiwilligen helfenden Hände! DARÜBER sollten die Medien tagtäglich berichten und nicht nur über die Flüchtlingsgegner und die Politiker, die sich in hohlen Phrasen und kruden Drohungen ergehen.
Wie war das noch mit dem Vorschlag, die zahlreichen Helfer auf Lesbos sollten den Friedensnobelpreis verliehen bekommen? ABER NATÜRLICH - wenn nicht sie, wer sonst?