Montag, 30. November 2015

Man muß das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen. - H. Hesse


Und schon ist er wieder vorbei, der diesjährige Weihnachtsbasar der beiden deutschen Athener Kirchengemeinden ... 
Viel Zeit blieb mir dieses Jahr nicht, um meine kleinen Basteleien herzustellen. Viel zu spät bekam ich die Zusage für die Teilnahme. Aber trotz der unzähligen abendlichen "Bastelstunden" und der entsprechenden Erschöpfung hat das Basarwochenende wieder so viel Spaß gemacht. Und so konnte ich am Ende doch noch meinen klitzekleinen Teil beitragen zur Sozialarbeit des Basars. 
Wie immer war es beeindruckend, wie all die ehrenamtlichen Helfer teilweise schon über Wochen und Monate im Voraus die zahlreichen Stände organisiert hatten und so zum Gelingen dieses karitativen Mammutunternehmens beigetragen haben! Dies erinnerte mich dann auch unwillkürlich an all die ehrenamtlichen Helfer in der momenanten Flüchtlingskrise ...
So sieht man mal wieder, daß tatkräftiges Helfen nicht ohne das Engagement des Einzelnen machbar ist! 

                     Nach "lieben" ist "helfen" das schönste Zeitwort der Welt.
                                                                                 Bertha von Suttner




Dienstag, 24. November 2015

Eine Geschichte von vielen ...

Die Athener Griechenland-Zeitung hatte vor ein paar Wochen einen Schreibwettbewerb ausgerufen. Unter dem Thema "Was verbindet mich mit Griechenland" konnten Leser ihre eigenen Geschichten einsenden, die dann in der Online-Präsenz der Zeitung veröffentlicht wurden.
Mehr als hundert Geschichten wurden eingesandt, viel Schönes und Anrührendes ist da zu lesen.
Meine kleine Geschichte möchte ich mit Euch hier in meinem Blog teilen ...

Nur eine Geschichte von vielen

Das Land der Griechen mit der Seele suchend ... Welch ein Klischee und welch eine Anmaßung für den Beginn einer kurzen Geschichte, werdet ihr jetzt sagen - und dennoch: Zuerst fand meine Seele nicht das Land, sondern seine Menschen und darunter einen ganz besonderen ...

So bin auch ich, wie so viele andere, „der Liebe wegen“ nach Griechenland gekommen. Mit viel vorurteilsloser Neugier und auch manchen Ängsten. Im Gepäck ein ausgefülltes Leben, das ich sehr schweren Herzens zurückließ.
Immerhin, bei meiner Ankunft auf dem Athener Flughafen an einem Dezemberabend vor mehr als 20 Jahren, konnte ich meinen Augen kaum trauen: Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel! Kurz hielt ich inne, schloß die Augen und ließ die Flocken mit meinem Gesicht verschmelzen. Sekunden nur, die ich aber ganz bewußt als gutes Omen nahm, denn so fern erschien mir da die eben verlassene winterliche Heimat gar nicht mehr ...

Von Anfang an war die griechische Großfamilie das Sicherheitsnetz, das anfängliches und unvermeidliches Stolpern auffing. Das befürchtete sich Fremdfühlen stellte sich nicht ein. Nach der ersten Zeit, die in der manchmal auch fast erdrückenden Fürsorge meiner neuen Großfamilie aufging, mußte ich mir vorsichtig meine kleinen „Privaträume“ zurückerobern, ohne dabei diese lieben Menschen zu verletzen. Und so kann ich sagen: Mit all ihrer Liebe und ohne große Worte hat es meine „zweite“ Familie verstanden, mich vorurteilslos als eine der Ihren zu akzeptieren.

Auch in beruflicher Hinsicht gab mir dieses Land die Möglichkeit, meinen kleinen Traum einer Buchbinderwerkstatt zu verwirklichen - wobei das Fehlen manch eherner Vorschrift auch ein Segen sein kann! Es war nicht immer leicht, die Bürokratie oft skurril, die Arbeitsstunden ungezählt. Insbesondere in diesen widrigen Zeiten ist das Leben als Kleinunternehmerin in Griechenland gelinde gesagt abenteuerlich. Aber: noch gibt es meine kleine Werkstatt! Und so kann ich sagen, daß Griechenland es trotz aller Imponderabilien ganz gut mit mir gemeint hat. Es erlaubte mir, eine berufliche Wende zu vollziehen, wie ich dies in Deutschland wohl nie gewagt hätte.

Was verbindet mich also mit Griechenland? Nicht die Sonne, nicht das Meer, nicht die kulturellen Güter - all dies findet man in unzähligen Variationen auch andernorts auf dieser Welt.   Griechenland – das ist für mich in erster Linie seine freundlichen, humorvollen Menschen. Ihr „anarchischer Individualismus“ (wie es Johannes Gaitanides einmal bemerkt hat bezüglich des Verhältnisses des Griechen zu seinem Staat) birgt dann auch im Persönlichen eine Befähigung zur offenen Begegnung mit jedem Fremden.  Nie hatte ich das Gefühl, mich irgendwie „verbiegen“ zu müssen, um akzeptiert zu werden. Selbst in den letzten Zeiten der aufgepeitschten Ressentiments ist mir noch kein einziger Tag Fremdfühlens zugestoßen.
 Ach, und noch eine Kleinigkeit: Griechenland ist Licht; dieses berühmte Licht, von dem schon so viele geschrieben oder versucht haben, es mit ihren Kameras oder Pinseln einzufangen. Kommt man aus dem raueren Klima Deutschlands, verliert man sich in dieser Helligkeit, in dieser Klarheit, in den so scharf umrissenen Konturen und Schattierungen, die dieses Licht erzeugt. Manchmal glaube ich, es ist auch dieses Licht, das uns Fremde hier so hell aufnimmt ...

Mit Griechenland verbindet mich die Gewissheit, daß ich die letzten Jahre nicht mehr missen will; daß dieses Land trotz seiner Schwierigkeiten, manchmal auch ärgerlichen Unkorrektheiten, seiner wirtschaftlich-politischen Wirren und seiner fraglichen Zukunft mir eine zweite, zutiefst menschliche Heimat geschenkt hat.
Und so muß ich doch noch einmal einen  „Klassiker“ bemühen: Konstantinos Kavafis beendet sein berühmtes Gedicht Ithaka mit den Zeilen

Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt, Ithaka betrog dich nicht.
So weise, wie du wurdest, in solchem Maße erfahren,
wirst du ohnedies verstanden haben, was die Ithakas bedeuten.

Nun, weise bin ich sicher nicht geworden auf meiner Lebensreise, die mich hierher geführt hat. Etwas erfahrener sehr wohl. Aber das Wichtigste: „Mein“ Ithaka hier hat auch mich nicht betrogen!
           


Sonntag, 22. November 2015

Der einzig reine Ort ist unsere Liebe, die unentweiht, in der Menschlichkeit .... Friedrich Schiller

Ruhig ist es geworden in den letzten Wochen hier in meinem Blog. Dies liegt zum einen daran, dass ich zwar nach wie vor viel lese, aber kein wirklich herausragendes Buch dabei war, das ich euch vorstellen wollte. Zum anderen geschehen so viele Dinge gerade um uns herum, daß mir das Schwelgen in "weltfremden" Lektüreempfehlungen fast schon fehl am Platze erscheint. Die Flüchtlingskrise, die zunehmende Fremdenfeindlichkeit, die terroristischen Attentate in Beirut, Paris, Mali etc.. All dies beschäftigt mich so sehr, daß ich all meine kognitive Kraft momentan auf eine Facebook-Seite konzentriere, bei der ich seit einiger Zeit zu den Administratoren gehöre.
Ich war noch nie ein sehr politischer Mensch in dem Sinne, irgendeiner Partei besonders zugeneigt zu sein - ganz im Gegenteil. Mittlerweile, wohl aufgrund meines fortgeschrittenen Alters, bestehe ich erst recht auf meiner geistigen Unabhängigkeit, kann mich aber den gesellschaftspolitischen Debatten um uns herum nicht guten Gewissens entziehen. Und ich gebrauche bewußt den Begriff "gesellschaftspolitisch" und nicht "politisch"!
Was wir momentan beobachten in Deutschland und anderen europäischen Ländern, ist ein gesellschaftlicher Rückschritt, den ich so zu meinen Lebzeiten nicht mehr erwartet hatte. Die Zunahme der Fremdenfeindlichkeit übersteigt mittlerweile mein Vorstellungsvermögen und erschüttert mich zutiefst. Diese Erschütterung hat nur bedingt mit meinem eigenen Leben zu tun als Frau eines Griechen und als Ausländerin in Griechenland. Vielmehr denke ich in letzter Zeit an all die Geschichten, die mir noch mein Vater erzählt hat aus den Jahren des 2. Weltkrieges und an meine eigene Beschäftigung mit der Geschichte des Holocausts.
Nur soviel zur Erklärung meines temporären "Verstummens" hier in meinem Blog.
Immerhin schaffe ich es ab und an, meinen Freunden auf Facebook kurze "Gedanken zur Nacht" mit auf den Weg zu geben. Dies hier stammt vom 15. November:

GEDANKEN ZUR NACHT: Ich weiß nicht, wie es Euch geht. Das Töten, es geht weiter, immer weiter. Das Töten, das im Nahen Osten schon fast zum Alltag der Menschen geworden ist. Das Töten, das wegen dieser „Alltäglichkeit“ fast nur noch nebenbei wahrgenommen wird. Der Terror, der jetzt wieder einmal den Westen erreicht hat. Die Säbel der Vergeltung, die gerade in dieser Minute wohl schon gewetzt werden. Da liest man dann all die Artikel, hört die Politiker, hört die Kommentatoren und all die „Analysen“. Erste bittere Erkenntnis: Ich weiß, daß ich eigentlich absolut nichts weiß. Zweite bittere Erkenntnis: Wir Menschen können und konnten noch nie in Frieden miteinander leben. Was bleibt? Nur das Gefühl der Ohnmacht und Wut ob dieser Gewalt um uns herum. Fast genau auf den Tag vor 256 Jahren wurde Friedrich Schiller geboren. Seine Worte – aktuell wie eh und je:


Ein besonderes Büchlein befindet sich allerdings momentan auf meinem Nachtkästchen, das ich euch hier in den nächsten Tagen vorstellen möchte. Es ist ein Gedankenschatz, der seinesgleichen sucht. In Kürze ...
Bleibt mir ein wenig treu, trotz meiner temporären Abwesenheit!