Samstag, 12. September 2015

Von tiefem Traum besiegt, Vom Tode eingewiegt, schläft hier die Zeit.. - Hermann Hesse

Indirekt hat die anhaltende Wirtschaftskrise mit meinen heutigen Gedanken zu tun, denn aufgrund der schlechten Auftragslage blieb mir in den letzten Wochen ein wenig Zeit, einige meiner alten Photos endlich einmal digital aufzuarbeiten - zum Beispiel meine Venedig-Photos.
Venedig lag für uns Müncher quasi "um die Ecke", und so war ich recht oft dort, manchmal auch nur mal schnell über ein verlängertes Wochenende. Ich habe alle Jahreszeiten in dieser Stadt erlebt, am liebsten aber war mir immer der Winter. Zweimal besuchte ich Venedig für mehrere Tage im Dezember; das erste Mal mit klirrender Kälte, das zweite Mal mit milderen Temperaturen (aber dafür mit "aqua alta").  Das Schöne an dieser Jahreszeit ist, daß Venedig kaum besucht ist. Und sobald abends der Nebel in den engen Kanälen und menschenleeren Gassen aufzieht, bekommt man unweigerlich dieses morbide "Venedig-Feeling", das zu dieser Stadt einfach dazugehört!
Generell habe ich nicht allzu viele Photos von meinen früheren Reisen. Sicherlich hat man in den Zeiten der analogen Photographie auch nicht so viele Photos gemacht wie heute. Aber nach wie vor ist das Photographieren eine Tätigkeit für sich - und ich habe immer das Gefühl, daß ich nicht beides gleichzeitig machen kann: schauen, das Neue in mich aufnehmen und photographieren. Und, mein Gott, in Venedig gibt es einfach viel zu viel zu schauen, eine Lebenszeit würde nicht ausreichen ...
Aus einigen der noch verwertbaren Photos jedoch habe ich zur Abwechslung mal ein kleines Video gebastelt, die Zeichnungen und Aquarelle stammen aus der Hand meines verstorbenen Vaters.





Aber dies wäre nicht mein Blog, wenn ich euch nicht noch schnell einige Venedig-Lesetipps geben würde, wobei ich natürlich nicht mehr auf dem Laufenden bin hinsichtlich der Neuerscheinungen der allerletzten Jahre. So kann ich euch nur einige meiner persönlichen Venedig-Klassiker empfehlen:

Ein Muß für Krimileser ist natürlich Patricia Highsmith's Venedig kann sehr kalt sein. Sehr gut auch der Venedig-Krimi von Michael Dibdin Tote Lagune. Nicht weiter erwähnen muß ich hier Donna Leon.
Eine unglaublich tiefsinnige, wunderschöne Art von Liebesgeschichte ist das Buch Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz vom legendären Autoren-Duo Fruttero&Lucentini !
Einige Streifzüge abseits der touristischen Klischees findet ihr in Mary McCarthy's Venedig. Lesenswert ist auch Herbert Rosendorfers Venedig, ein Einblick in die Entstehungsgeschichte und so manche Besonderheit dieser Stadt.
Den historisch besonders Interessierten unter euch empfehle ich den "Klassiker" von Alvise Zorzi, Die Geschichte der Löwenrepublik und unbedingt die Geschichte der jüdischen Bewohner von Venedig, wie sie eindrucksvoll von Riccardo Calimani in Die Kaufleute von Venedig beschrieben wurde.
Ein besonderes Lesevergnügen ist auch Venezianische Promenaden von Werner Ross, kein Kultur- oder Kunstführer im eigentlichen Sinne, eher folgt der Leser den Spuren berühmter Venedig-Besucher wie Goethe, Wagner, Nietzsche, Casanova oder Hemingway.  Recht humorvoll ist die kleine Venedig-Geschichte Als Markus nach Venedig kam von Reinhard Rebe.
Nicht weiter vorzustellen brauche ich euch die zahlreichen Reise-, Kunst- und Kulturführer, die man über Venedig findet.
Nur noch ein Büchlein will ich noch erwähnen, weil es so besonders ist:

Der Moderne Cicerone "Venedig" von Max Semrau, gedruckt im Jahre 1905. Das Buch war ein Geschenk einer Arbeitskollegin in München, kurz bevor ich im Dezember 1989 mal wieder nach Venedig aufbrach. Ich muß euch nicht sagen, welch ein Schatz dieses Büchlein ist! Es war ein Erbstück meiner Kollegin, und sie schenkte es mir so großherzig! Viel später entdeckte ich ein verstecktes Preisschild: 4 Mark 50 hat es einmal gekostet. Und zwischen den Seiten steckte noch ein Passierschein für die Uffizien in Florenz aus dem Jahre 1937. Da hatte es wohl ein besonders beflissener Kunstliebhaber noch nach Florenz geschafft - nicht lange vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieges... vielleicht ein Verwandter meiner Kollegin?


Hör auf, allen Vorbeigehenden der Erde obszöne Einladungen zuzuflüstern, 
Venedig, du alte Kupplerin, die du unter deinem schweren Gewand aus Mosaiken 
zermürbende romantische Nächte, klagende Ständchen
und erschreckende Hinterhalte bereitstellst!  

Filippo Tommaso Marinetti


Mittwoch, 9. September 2015

Ironie ist die letzte Phase der Enttäuschung - Anatole France

Der September hat Einzug gehalten. Der griechische Sommer ist noch nicht vorbei, noch immer erreicht das Thermometer an manchen Tagen fast 40 Grad und läßt uns gehörig schwitzen.
Wir stehen 10 Tage vor den Neuwahlen, trotzdem herrscht Ruhe. Wahrscheinlich sind die Menschen nach den vielen Monaten der Unsicherheit, der trügerischen Hoffnungen und des abrupten Erwachens aus dem kurzen Traum einer wirklichen Veränderung nun einfach müde. Vielleicht auch dies ein Grund, daß auch unter Freunden oder mit meinen Kunden kaum über die anstehenden Wahlen gesprochen wird.
Das Nachdenken über diese gespenstische Stille brachte mir die vielen Karrikaturen in Erinnerung, die man zum Thema in den Zeitungen und im Internet findet. Karrikaturen arbeiten meistens mit Ironie und Sarkasmus (beides natürlich griechische Wörter), die uns aber dann doch zum Lachen oder zumindest zu einem gequälten Lächeln bringen.
Auch im wirklichen Leben sind Ironie und Sarkasmus häufig ein Ausweg, wenn man eine bittere Wahrheit, eine Absurdität oder eine Unsäglichkeit nicht mehr anders zu kommentieren weiß. Wenn manche Menschen diese beiden rhetorischen Figuren aber fast nur noch als einziges Kommunikationsmittel anwenden, kann dies schnell ermüdend werden. Ein wirklicher, ehrlicher Diskurs wird damit oft unterbunden. Deshalb sollten wir beides auch nur gezielt einsetzen. Friedrich Nietzsche schrieb:

Die Gewöhnung an die Ironie ebenso wie die an Sarkasmus verdirbt übrigens 
den Charakter. Sie verleiht allmählich die Eigenschaft einer schadenfrohen 
Überlegenheit: Man ist zuletzt einem bissigen Hunde gleich, der noch das 
Lachen gelernt hat außer dem Bellen.

Einer meiner liebsten griechischen Karrikaturisten ist Arkas - ein Mann, den tatsächlich keiner kennt. Niemand weiß, wie er aussieht. Ein Phantom eigentlich, aber mit intelligentem Humor und der Gabe, die Dinge auf den Punkt zu bringen.
In Deutschland tut sich natürlich Klaus Stuttmann mit seinen beißenden Kommentaren hervor.

Hier ein paar Beispiele - damit wir auch mal was zum Lachen haben - auch wenn uns das Lachen eigentlich im Halse stecken bleiben müßte...


Schon wieder ein Memorandum schon wieder Verhandlungen,
schon wieder Wahlen! ... In diesem Land lebt man in einem
ständigen Zustand des deja vu!

Wir müssen mit klarem Kopf wählen! Deshalb werden
wir einen Monat lang einer Gehirnwäsche unterzogen.
Zwei Dinge hasse ich bei jedem Politiker: sein Gesicht!