Freitag, 31. Juli 2015

Unser Aller Schatten...


Das Buch, aus dem diese Zeilen stammen, muß ich ja hier nicht mehr vorstellen. Wir alle hier haben das Buch vor ein paar Jahren gelesen - und die Meisten von uns waren begeistert. Auch ich.
Ich nehme dieses Buch seitdem immer mal wieder zur Hand, einfach weil es so voller interessanter Gedankenansätze ist, was unser Leben, unsere Begegnungen und die Kraft der Worte betrifft.
Heute abend werde ich mir mal ganz in Ruhe die Verfilmung mit Jeremy Irons ansehen - unvoreingenommen, soweit es geht...

Donnerstag, 30. Juli 2015

Menschen und Bücher...

Die nach wie vor viel zu kurzen Nächte halten an... Es ist so heiß, daß selbst die Klimaanlage nicht mehr genügend Erleichterung für einen erholsamen Schlaf bringen kann. So bleibt nur das Lesen, das Nachdenken in diesen stillen Nachtstunden, trotz aller Erschöpfung und Müdigkeit.

Gestern Nacht mußte ich über menschliche Beziehungen nachdenken, und als erklärter Bücherwurm kamen mir plötzlich Vergleiche in den Sinn, die unser Menschsein und Bücher miteinander verbinden:

Man kann in ihm lesen, wie in einem offenen Buch.
Sie ist wie ein Buch mit sieben Siegeln.


Nun, zwei absolut konträre Aussagen. Beide Aussagen sind falsch in ihrem primären Anspruch. Leider sind wir Menschen nicht so einfach zu "kategorisieren", kein einfaches Schwarz oder Weiß ist da zu finden. Wäre es so, wäre es ein Leichtes, unsere Mitmenschen oder auch uns selbst einzuordnen...

Ich mußte dabei an Menschen denken, die sich von Zeit zu Zeit einfach aus unserem Leben "ausklinken", manchmal nur kurz, manchmal für Jahre. Dieses "Verschwinden" von Menschen, hinterläßt immer eine Art von Unsicherheit. Bei mir jedenfalls. Und so kam mir ein weiterer Gedanke, der mit Menschen und Büchern zu tun hat:

Sind manche Menschen nicht tatsächlich wie ein Buch, dem an manchen Stellen einige Seiten abhanden gekommen sind? Sie fehlen einfach. Man liest trotzdem weiter, stellt aber am Ende fest, daß man dieses Buch nicht wirklich rezensieren kann. Man hat den Fortlauf und vielleicht auch das Ende der Geschichte verstanden, aber das dumpfe und beunruhigende Gefühl bleibt, daß auf den fehlenden Seiten vielleicht doch der eine oder andere wegweisende Hinweis stand, der unabdingbar war, um den Sinn des Ganzen wirklich erfassen zu können.

Fast möchte ich diese Menschen als "zerfledderte" Bücher bezeichnen. Vielleicht zu oft gelesen, zu oft "seziert", oft zu achtlos weggelegt, so daß sich diese Menschen einen Schutzschild aneigneten, einige "Seiten" ihres Daseins ganz bewußt durch Weglassen zu schützen versuchen.
Ich selbst hege keine Abneigung gegenüber zerfledderten Büchern, wie ihr wißt. Oftmals bezeugen sie nur, wie intensiv sie gelesen wurden. Insofern ist der Begriff kein negativer für mich.

Aber oftmals schwingt bei so einem "lückenhaften" Buch auch ein tiefes Bedauern mit, denn es könnte genau so gut sein, daß die Leser zu unvorsichtig mit diesem Büchlein umgegangen sind - auch ich !



Dienstag, 28. Juli 2015

Awakenings...

Heute las ich in einem Artikel, Griechenland würde so langsam aus der Schockstarre erwachen....

Es stimmt, daß seit dem beschlossenen neuen "Hilfsprogramm", das - darüber stimmen nunmehr weltweit alle Ökonomen überein - dem Land nicht auf die Beine helfen wird, sich die Schockstarre der letzten Wochen etwas verflüchtigt hat. Die Banken haben zum Schein wieder geöffnet, auch wenn die Kapitalverkehrskontrollen natürlich weiter bestehen.

Sagen wir mal so: Die Illusion einer bereits vorher illusionären Normalität hat sich wieder eingestellt.

Im Gegenzug zu dieser anfänglichen Schockstarre ist man jetzt jedoch in ein nebulöses Delirium hinübergeglitten, das im Gleichklang mit der lähmenden Sommerhitze die dumpfe Erkenntnis verstärkt, etwas ausgesetzt zu werden, das außerhalb unserer Vorstellungskraft liegt.
Diese Erkenntnis würde ich eher als das eigentliche "Erwachen" bezeichnen,

Ich komme täglich mit vielen Menschen in Kontakt durch meinen Beruf, und überall höre ich genau dieses aus ihren Worten heraus. Natürlich habe ich vor allem mit meinesgleichen zu tun, kleinen und mittleren Unternehmern, die nun mit einem weiter erhöhten Steuersatz und einer 100%igen Steuervorauszahlung abgestraft wurden. Jedem von uns ist dabei klar, daß dies inmitten dieser immensen Rezession nicht zu erwirtschaften sein wird, daß der Teufelskreis der Steuerschulden nur ausgeweitet werden wird. Und trotzdem bleibt uns allen keine andere Wahl als weiterzumachen, denn am Ende des Tunnels stünde nur die Arbeitslosigkeit.

So gehe auch ich nach wie vor jeden einzelnen Tag in meine Werkstatt, freue mich über jeden noch so kleinen Auftrag, strenge mich an, versuche mit hohem Zeitaufwand alles so perfekt wie möglich herzustellen und arbeite zu einem Stundenlohn, den ich am besten nicht nachrechne. Ich habe meine Preise sehr senken müssen, um überhaupt im Wettbewerb des Handgemachten mithalten zu können. Am Ende eines Tages stelle ich dann jedoch fest, daß ich fast umsonst gearbeitet habe, ich habe nur die unverändert hohen Materialkosten und einen davon ausgehend kalkulierten Mindestgewinn erwirtschaftet. Aber für meine ganz persönliche Arbeit bin ich eigentlich nicht bezahlt worden. Und genau dieses Schicksal teile ich mit so vielen anderen griechischen Herstellern, Kunsthandwerkern und Kleinunternehmern aller Art mittlerweile.

An manchen Tagen fällt es schwer, die richtige und positive Einstellung zur Arbeit zu finden - und ich gebe es zu, manchmal bin auch ich am Verzweifeln. Dies passiert vor allem immer dann, wenn Kunden versuchen, die Preise noch weiter zu drücken - gefeilscht wie auf einem orientalischen Basar wird da manchmal! Nun, schon vor langer Zeit fand ich besonders dreisten Kunden gegenüber meine Standardantwort: "Noch bin ich kein Chinese!" (unter uns gesagt, ob das weiterhin so bleiben wird, sei dahingestellt....).

Und natürlich schlägt man solche Anfragen ausnahmslos aus, nicht nur, weil es sich beim allerbesten Willen nicht rechnet, sondern weil man sich in all diesen Wirren nur noch eines versucht zu bewahren: einen Rest von Würde!













Sonntag, 26. Juli 2015

Wünsche.......

Die mediterrane Sommerhitze hat uns voll umfangen.... schlaflose, stickige Nächte inklusive.
Wie immer im Juli und August werden deshalb meine Nächte eher zu "Lesenächten".
Ein Gedanke, der mir gestern Nacht zwischen zwei unruhigen Träumen kam:


Donnerstag, 23. Juli 2015

Diese ganze Unendlichkeit wird ein einziges Tosen....- Alessandro Baricco

Denn so ist es immer, es genügt der Schatten eines Menschen, 
um den Frieden dessen zu zerschlitzen, was im nächsten Augenblick 
hätte Wahrheit werden können....

Wir kennen das wohl Alle: Manchmal passieren Dinge im Leben, die einen zutiefst bestürzen, befremden, verunsichern und so viel mehr beschäftigen als man das erwartet hätte...

Versucht man sich nach dem ersten Durchatmen dann in Besonnenheit, tut Ablenkung Not, und so fiel mir gestern ein schon fast vergessenes kleines Juwel in die Hand: Alessandro Bariccos Oceano Mare - Das Märchen vom Wesen des Meeres.
Als ich das Buch aufschlug, sah ich als erstes meinen Eintrag, wann und wo ich es gelesen habe (etwas ungewöhnlich für mich). Aber im Nachhinein wohl erklärbar, las ich das Buch doch an einem Ort und zu einer Zeit, die zu den existenziellsten Erfahrungen meines Lebens gehört hat. Beim Weiterblättern fand ich unzählige Anmerkungen, Unterstreichungen, Fragezeichen etc. Das Buch ist voll davon - ich könnte es also niemals mehr verleihen!
Allein all diese meine Bemerkungen zu sehen, war schon ein seltsames Gefühl. Trotzdem begann ich wieder darin zu lesen, und was als anfängliches "Querlesen" begann, endete in dem bedingungslosen Eintreten in die Welt dieses kleinen Romans.

Nun, dieses Buch hier adäquat zu beschreiben, ist mir unmöglich. Irgendwann und irgendwo in einer kleinen Pension am Meer, finden sich ein paar Menschen zusammen: Da ist der Maler, der seine Bilder mit Meerwasser malt, da ist die junge Frau, die an einer seltenen, nicht fassbaren Krankheit leidet, da ist der Naturforscher, der verzweifelt versucht, das "Ende des Meeres" zu erfassen, da ist die Ehefrau, die ihren Mann betrogen hat, und und....
Sie alle erhoffen sich, daß das Meer ihnen Heilung und Rettung sein möge.

Und so entspinnt sich ein Reigen von Lebensgeschichten, von kleinen Begebenheiten, von tiefsten Einblicken in die menschliche Seele und das menschliche Dasein - umrahmt und bestimmt vom "Wesen des Meeres"....


Tatsächlich gibt es Augenblicke, in denen das allgegenwärtige und logische Netz 
kausaler Zusammenhänge vom Leben überrumpelt kapituliert und ins Parkett hinabsteigt, 
um sich unter das Publikum zu mischen und zuzulassen, daß auf der Bühne eine unsichtbare 
Hand im Licht einer schwindelerregenden, plötzlichen Freiheit im unendlichen Schoß des 
Möglichen fischt und von Millionen Dingen ein einziges geschehen läßt...

Baricco schreibt in dieser begnadeten, bezaubernden Sprache, der man sich einfach nicht entziehen kann - weit mehr als das, Seite um Seite wird man nicht nur von der Geschichte selbst, sondern eben auch von dieser Sprache in den Bann gezogen.

Nun, das Büchlein löst die großen Lebensfragen nicht - wie auch sonst kein Buch -, aber es läßt den Leser atemlos und irgendwie auch "erschlagen" zurück angesichts all der Gedanken und Fragen, die Baricco da aufwirft. Ich will dieses Buch hier nicht einfach "empfehlen", ich will es Euch ganz einfach ans Herz legen!




Sonntag, 19. Juli 2015

Auf der Suche nach der verlorenen Leichtigkeit des Seins...

Dieses Wochenende habe mir mal ganz bewußt wieder Zeit zum Lesen genommen (und auf die im Laptop umherschwirrenden negativen Nachrichten weitgehend "verzichtet")....

Dabei stolperte ich über eine winzige Textstelle:

Susan Sontag, die brilliante amerikanische Essayistin und Intellektuelle, deren Biographie ich gerade lese, schrieb einmal, daß das Lesen für sie einen Triumph dargestellt hätte, einen "Triumph des Nicht-Ich-Selbst-Sein-Müssens".... Neben diese Stelle machte ich sowohl ein Ausrufe- als auch ein Fragezeichen.

Ein interessanter Gedanke, weil es ja tatsächlich so ist, daß wir beim Lesen andere Leben uns er-lesen, ertasten, erfühlen, uns auf Gedankenwelten einlassen, die, im besten Falle, unserer eigenen vollkommen konträr oder einfach nur neu sind. Nur durch konträre oder neue Erfahrungen könnten wir beim Lesen nicht mehr "wir selbst" sein.

Die Frage stellt sich dann nur, ob wir dies auch wirklich wollen sollten. Oder geht es beim Lesen nicht vielmehr darum, uns andere, interessante Gedankengebäude so einzuverleiben, daß sie unser bereits bestehendes Ich erweitern. Trotz all der Bücher, die mich durch mein Leben begleitet haben und noch begleiten: Ich hatte nie das Gefühl, ich wollte dabei nicht mehr ich selbst sein.
Aber ich hatte schon das Gefühl, daß mir selbst dieses Ich nicht reicht, oder, daß dieses Ich mir - nach wie vor - äußerst ungenügend erscheint. Es ist dies das bekannte Gefühl, daß man weiß, daß man einfach zu wenig weiß vom Leben allgemein....
Insofern begreife ich Lesen nicht als "Rettung vor mir selbst" wie Sontag. Lesen kann ganz profan ein Austreten aus dieser Suche nach der verlorenen Leichtigkeit des Seins bedeuten, wie sie uns hier in Griechenland gerade heimsucht. Aber Lesen kann auch unser Ich erweitern und damit auch verändern, aber eben immer nur im Sinne einer Erweiterung und keiner Verneinung oder Neuerfindung.
Beim Lesen von Sontags interessanter Biographie stelle ich fest, daß diese Frau das Lesen von Anfang an zutieftst als Mittel empfand, sich über das beengende Korsett ihrer Jugend im Amerika der 40 und 50er Jahre hinauszuerheben. Und ich kann nachvollziehen, daß ihr endgültiger Lebensweg am Ende eben genau als dieser "Triumph" erscheinen mußte.
Interessant also zu sehen, was Lesen und Literatur dem Menschen bedeuten kann - für Manchen kann es so fast ein neues Leben erfinden! Das Buch über Susan Sontag ist übrigens lesenswert!


Ein "demütiger" Sonntagsgruß...

Nach vielen Wochen, die der unschönen Realtität auch hier in meinem Blog gewidmet waren, zur Abwechslung mal wieder ein kurzer "künstlerischer" Sonntagsgruß!
Heute las ich zufällig die Beschreibung einer kürzlich erst beendeten Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn, die dem "Göttlichen" Michelangelo Buonarotti gewidmet war. Ohne natürlich auch nur ein Original des Künstlers zeigen zu können, gelang es den Kuratoren wohl ganz famos, dem Besucher dies "Göttliche" in Michelangelos Kunst näherzubringen.

"Das Potenzial zur Gottähnlichkeit hat prinzipiell zwar jeder Künstler, 
sofern er fähig ist, eine creatio ex nihilo, eine Schöpfung aus dem 
Nichts, die eigentlich nur (ein) Gott vermag, zu leisten....!"

Allein, nur wenige Künstler haben diese Schöpfung aus dem Nichts in dieser Vollkommenheit erreicht wie Michelangelo.

Beim Lesen des Artikels mußte ich dann auch tatsächlich daran denken, welchen unauslöschlichen Eindruck drei seiner Kunstwerke auf mich gemacht haben - und wurde dabei unweigerlich etwas nostalgisch...





Der Davide, die Pieta und natürlich die Sixtinische Kapelle....Dies alles durfte ich in meinem Leben mehrmals sehen. Doch bei jedem wiederholten Sehen und wie versteinert davor Verharren blieb ein Gefühl immer dasselbe: absolute Sprachlosigkeit (ja, selbst ich kann mal sprachlos sein!), aber vor allem Demut:
Demut vor soviel Schönheit, Demut vor soviel Perfektion, Demut vor soviel menschlicher Schaffenskraft, Demut vor etwas, das man nicht in Worte fassen kann und deshalb tatsächlich wohl nicht anders als "göttlich" bezeichnen kann....
Schön, wenn Kunstwerke solche Gefühle in uns auslösen können!

Den interessanten Ausstellungsbericht findet Ihr hier


Freitag, 17. Juli 2015

Tage.......

Es gibt so Tage....
Normalerweise ist die Arbeit in meiner kleinen Werkstatt ja äußerst abwechslungsreich, dennoch gibt es auch durchaus stupide Tätigkeiten, die aber gemacht werden müssen. Und so habe ich den Vormittag heute damit verbracht, gefühlte 1000 Seiten Papier zu falzen....
Da ich sonst sehr viel Konzentration benötige, muß doch immer alles millimetergenau ausgemessen, errechnet, zugeschnitten und vorsichtig kaschiert werden, können solche rein mechanischen Tätigkeiten auch etwas Angenehmes in sich bergen: Ich kann mir dabei meinen geliebten "Don Giovanni" mal wieder in Ruhe anhören und die Gedanken einfach schweifen lassen. Liegt dann auch noch Katerchen zufrieden schnurrend zu meinen Füßen unter der Werkbank, dann könnte ich fast der Illusion erliegen, die Welt wäre schön, gut und gerecht....
Daß dem ganz und gar nicht so ist, bezeugt ein Blick auf die Nachrichten eben: Die ersten sommerlichen Waldbrände haben eingesetzt rund um Athen, ein Löschflugzeug ist gerade abgestürzt! Griechenland brennt mal wieder... nicht nur im übertragenen Sinne!

Begegnungen...darüber mußte ich heute nachdenken. Wie ich ja schon oft schrieb, hat die Krise uns etwas auf uns selbst zurückgeworfen. Das hat zum Einen damit zu tun, daß viele von uns einfach nicht mehr die finanziellen Möglichkeiten haben, so wie früher ab und an mal ins Kino, Theater, ins Konzert oder auch mal in eine Taverne zu gehen. Zum Anderen fehlt auch oft einfach die Lust, sich mit Freunden und Bekannten zu treffen. Jeder trägt sein eigenes Päckchen und kämpft mit seinen Dämonen, was so überaus kräftezehrend ist, daß nur noch selten Atem für persönliche Begegnungen bleibt...zumindest ergeht es mir so.

So reduziert sich manche "Begegnung" in dieser unserer Zeit zum Beispiel auf die "social media"...
Da gibt es unschöne, unerhebliche, aber eben auch schöne Begegnungen, die dann unsere Tage ab und an etwas erhellen. Da kann man dann doch von Zeit zu Zeit etwas schmunzeln oder laut rauslachen. Manche dieser Begegnungen bleiben flüchtig wie vorbeifliegende Vögel, andere mögen nachhaltiger sein...
Beides kann gleichermaßen in diesen Krisenzeiten wichtig sein, so sehr wir auch unsere Computer, Smartphones etc. meiden sollten. Wir dürfen ja nicht vergessen, sie sind zutiefst unwirkliche Begegnungen....
Auch dies eines der Paradoxa oder die Folge (?) eines Lebens inmitten einer wirtschaftlichen Krise (und natürlich nicht nur inmitten dieser)!
Aber vielleicht nehme ich das Ganze gerade mal wieder zu genau, und abschweifende Gedanken können uns ja auch oft in die Irre führen...

Virtuell oder real, wie sagte Guy de Maupassant so schön:
                          
                        Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben so lebenswert machen.




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Mittwoch, 15. Juli 2015

Leben in den Zeiten der Kapitalverkehrskontrolle.....

Kommt heute ein Kunde und will seine Bestellung abholen.
Am Ende fehlten ihm noch 50 Euro zum gesamten Rechnungsbetrag.

Da schaut er mich an, zuckt mit den Schultern und sagt:
"Meine Süße, was sind schon 50 Euro? Gerade mal eine einzige Kapitalverkehrskontrolle.....!"

Tja, so gesehen.... so schnell ändert sich unser Verhältnis zum Geld!!!


Also, um Gabriel Garcia Marquez zu bemühen:
Nicht die "Liebe in den Zeiten der Cholera", sondern das "Leben in den Zeiten der Kapitalverkehrskontrolle".....

Montag, 13. Juli 2015

Post scriptum....

Dies hier soll nun mein vorläufig letzter Beitrag zur politischen Situation sein. Ich sagte ja bereits gestern, daß ich unendlich müde bin.
Der "historische" EU-Gipfel über das Schicksal Griechenlands ist vorbei. 17 Stunden, in denen man sich darauf einigte, das Land weiter mit Milliarden zu "unterstützen" und dafür aber den höchstdenkbaren Preis zu verlangen.
Einhellig ist in der internationalen Presse von Erpressung und dem Verkauf eines Landes und seiner Souveränität die Rede.
Wie es weitergehen wird, wer kann das schon sagen. Fast einhellig aber auch hier die Meinung der internationalen Beobachter: es kann so kein gutes Ende nehmen für Griechenland - früher oder später.

Mögliche Zukunftsszenarien gibt es nun viele. Die kommende Zeit wird die politische, ökonomische und humanitäre Bedeutung des Beschlusses zeigen.

Inwieweit ich mit meiner kleinen Werkstatt den unausweichlichen politischen Verwerfungen und wirtschaftlichen Daumenschrauben gewachsen sein werde, auch das wird die Zeit zeigen. Ich werde wohl einfach weiter dahinschlingern...auf meiner kleinen Eisscholle - solange diese mich noch zu tragen vermag!
Wie schrieb Ovid: "Jegliches wechselt, doch nichts geht unter". Möge es am Ende so sein!


Jetzt bin ich einfach zu erschöpft, um weiter darüber nachdenken zu wollen.
Ich werde endlich wieder mein Buch in die Hand nehmen, das Papier und die Worte erspüren und mich ganz darauf einlassen.... Der Menschen Hörigkeit, passt ja irgendwie zum Thema, nicht wahr!?


Zwischen Panik, Gleichmütigkeit und Fatalismus.... ein Land

Was ist nur aus uns geworden!?
An diesem heutigen Sonntag - es ist nun schon Abend - soll(te) nun endlich die große "Entscheidung" fallen. Und ich weiß, daß ich wie oft in den letzten Tagen keinen Schlaf finden werde....
Welche Entscheidung? Ob wir hier weiter durch noch härtere Sparmaßnahmen abgewürgt werden oder ob wir aus dem Euro austreten. Beides könnte  - on the long run - für viele Menschen hier ein Fiasko werden....
Nach Wochen des Lesens, des Diskutierens mit Gleich - oder Ungleichgesinnten bin ich mittlerweile so unsäglich müde. Im Grunde will ich nur mein "altes" Leben zurück. Nicht, daß dieses Leben aufgrund der Krise nicht auch unendliche Probleme hatte, aber irgendwie war man nicht in einer so permanenten nachtdunklen Stimmung wie gerade die letzen Wochen...
Ich muß wirklich hart an mir arbeiten, mein "normales" Leben weiterzuführen, mich tagtäglich auf meine Arbeit zu konzentrieren, damit ich finanziell überleben kann, und auf all das, was mir darüberhinaus wichtig ist. Ich stelle tagtäglich fest, wie so unendlich schwer mir das fällt. Jeden Morgen z.B. sehe ich den Laptop vor mir, und anstatt wie sonst, mir bei meinem ersten Kaffee meine absolut "heilige" halbe Stunde Lesezeit in einem Buch zu gönnen, öffne ich nun diesen idiotischen Kasten, um die neuesten Nachrichten und Artikel zu lesen. Wozu? Nur, um mich danach noch schlechter zu fühlen...
Noch nie war ich soviel im Internet wie in den letzten Monaten, noch nie hatte ich so sehr das Gefühl, irgendetwas Entscheidendes zu verpassen; und ich hasse mich dafür, weil es nicht zu meinem Ich paßt - mein Gott, ich besitze ja nicht mal einen E-Reader, weil ich ein zutiefst haptischer Mensch bin und Alles um mich herum wie eine Blinde ertasten muß!!!  Am liebsten würde ich den Kasten aus dem Fenster schmeißen (wenn ich ihn nicht unbedingt auch für meinen Job bräuchte  - und Geld für einen neuen hätte)!

Die Krise hat uns Menschen irgendwie auch uns selbst entfremdet. Wir können uns der Unsicherheit nicht entziehen, wir schotten uns ab, wir fallen notgedrungenermaßen auf uns selbst zurück. Viele meiner Freunde in Deutschland stellen sich das alles hier oft sehr dramatisch vor. In den Medien sehen sie nur die Suppenküchen, die Obdachlosen, das Elend....
Aber so ist es natürlich nicht überall. Wir, die wir noch der sogenannten unteren "Mittelschicht" angehören und in den bourgeoisen (will sagen zutiefst kleinbürgerlich-engstirnigen) Vierteln von Athen leben, sind noch nicht am Verhungern oder hängen über irgendwelchen Mülltonnen auf der Suche nach Essensresten. Natürlich haben viele von uns erdrückende Schulden, aber wir bemühen uns, mit zusammengebissenen Zähnen durchzuhalten.
Dieses sogenannte "Durchhalten" jedoch ist für mich das Fragwürdigste überhaupt, impliziert es doch, daß ich wissentlich einer grundlegenden Illusion erliege: Ich weiß, daß ich ohne echten wirtschaftlichen Aufschwung meine Schulden im Leben nicht mehr werde abbezahlen können, verschließe mich aber dieser unumstößlichen Wahrheit ganz bewußt, weil ich sonst nicht weiterleben könnte...
In Gesprächen mit Freunden "beruhigen" wir uns gegenseitig, öffnen unsere Gedanken aber tatsächlich nicht wirklich, verbergen unsere allerallertiefsten Zukunftsängste. Nur Wenige sind es, bei denen ohne viel Worte echtes Verständnis aufkommt - nicht, weil sie uns wirklich näher als andere stünden, sondern, weil sie in genau der gleichen existenziellen Falle sitzen (genau wie die griechische Regierung, die einen Schuldenschnitt benötigte!)

Und so liegt die Dramatik der menschlichen Situation hier in Griechenland nicht nur im großen Plakativen, sondern auch im kleinen Camouflierten.
Manche meiner Freunde und Bekannten leben ihr Leben, wenn auch mit kleinen Einschränkungen, weiter wie bisher. Andere werden panisch, treffen vorschnelle Entscheidungen oder stürzen ab ins Nichts. Andere wiederum werden fatalistisch. Die Meisten jedoch machen es wohl so wie ich und "schlingern" wie auf einer Eisscholle dahin - mal optimistischer, mal pessimistischer, mal kämpferischer, mal defensiver, aber instinktiv immer auf der Hut vor dem, was "die da oben" entscheiden werden, was dies konkret für uns bedeuten könnte (deshalb wohl auch der Drang, keine Neuigkeiten zu verpassen, weil sie einem tatsächlich auf einmal so "lebenswichtig" erscheinen!).

Auch dies eine Folge der Krise: Man weiß nie, was der nächste Morgen bringen wird, wie man den nächsten Tag erfühlen und erleben wird. Ich habe es in den letzten Posts ja schon öfter geschrieben: wir leben "von Tag zu Tag".
Viele sagen diesen Satz so kokett vor sich hin, im epikureischen oder auch fatalistischen Sinne oder im Sinne eines positiven "carpe diem": aber Tatsache ist, daß ich nun schon zum zweiten Mal in meinem Leben dieses so wunderbare Motto nicht wirklich wählen durfte - es ist mir zum zweiten Mal in meinem Leben eine Folge, eine Notwendigkeit, eine mir auferzwungene Überlebensstrategie, aber nicht mein freier Entschluß!
Und entzieht allein diese auferzwungene Notwendigkeit oder Folge mir als Mensch nicht meine grundsätzliche Freiheit, die mir immer bedeutet hatte, das Motto "carpe diem" zutiefst positiv zu denken, zu erfahren und zu leben anstatt es nur als ein schales Motto akzeptieren zu müssen...










Samstag, 11. Juli 2015

Come on...

Das Wochenende steht vor der Tür - das letzte bevor definitv die neuen politischen "Maßnahmen" über uns hereinbrechen werden.... so oder so.
Ich will heute, an diesem ruhigen Abend, nicht an das Kommende denken. Wir leben eh nur noch von Tag zu Tag. Ich flüchte mich. wie immer, wenn ich das Gefühl habe zu platzen, in Musik und in literarische Texte, in diese so unendlich gnädigen und großzügigen Welten, damit das Brausen um mich herum endlich schweigen möge....

Leonardo da Vinci sagte einmal, die Augen seien die Seele des Menschen (in diesem Sinne jedenfalls, an das genaue Zitat kann ich mich nicht mehr erinnern, stammt ursprünglich sicher nicht von ihm). Oft denke ich über diesen Satz nach. Immer wieder entdecke im Internet Menschen, die ihre Augen tarnen, genau so, wie ich es selbst nicht anders mache.
Wir versuchen indes zu Recht, unser Allerinnerstes in den heutigen Zeiten des Internets zu schützen. Ist Euch schon mal aufgefallen, wie viele Photos es in den "social media" gibt mit Menschen, die ihre Augen verbergen? Die Ironie ist, daß ich selbst keinen wirklichen Zugang zu Menschen fnde, deren Augen ich nicht sehe, zu Menschen, die mir nicht in die Augen schauen. Wohl, weil wir ganz instinktiv unser Gegenüber so nicht "fassen" können, weil es uns irgendwie  "fremd" bleibt... Wir können seine " Seele" nicht sehen!
Und dabei mache ich es selbst genauso - der mediterranen Sonne sei Dank: Ich verstecke mich hinter meiner undurchdringlichen, schwarzen Brille, ich will nicht, daß fremde Menschen MICH sehen, nur so fühle ich mich irgendwie unangreifbar. Unser Sein, unsere Gedanken sind das Einzige, das nur uns selbst gehört. Und wir offenbaren all dies durch den ungeschützten Blick in unsere Augen....


Warum kommen mir in dieser wieder viel zu späten Nacht all diese Gedanken? Woher wieder all dieses Gesäusel?
Weil ich heute - wie schon seit Wochen - mir im Internet all die Zeitungsartikel reingezogen habe, die sich mit unserer Situation hier beschäftigen (Masochismus pur!)...
Und dabei fielen mir Photographien des so unendlich müden, desillusionierten Alexis Tsipras auf...
Ein "junger" Mann, der unbestreitbar mit hehren Idealen vor ein paar Monaten antrat, aber mittlerweile nur noch die Wahl zwischen "Pest und Cholera" hat, wie ein Journalist heute so richtig schrieb. Ich sah in seinen Augen eine so unendliche Erschöpfung, eine so unendliche Enttäuschung und, ja, ich muß es so sagen, auch Überforderung´unter all diesen langgedienten Wölfen da oben in Brüssel...
Nun, das mag Vielen, vor allem den Tsipras-Gegnern, als sentimentales Gequatsche erscheinen. Akzeptiert, dieses Abgleiten ins allzu Menschliche sei mir verziehen, aber ich kann nicht anders!
Trotzdem bleiben wir am Ende alle doch nur Menschen, egal, welche Funktion wir innehaben, trotzdem reduziert sich unser Leben doch nur auf das, was wir "er-leben" müssen...
COME ON!














Montag, 6. Juli 2015

Ich bedarf einer Krisis...... Friedrich von Schiller

Das "heiße" Wochenende ist vorbei. Griechenland hat sich mit großer Mehrheit gegen die tödlichen Sparmaßnahmen der Institutionen ausgesprochen.
Wenn ich auch zeitweise noch im Zweifel war, wie es letztendlich ausgehen wird, so bestätigt nun diese Wahl auch das, was ich in meinem Blog vor einer Woche vermutet habe: Die europäische Politikerriege hat einen Faktor stark unterschätzt- das Gefühl des Stolzes der Griechen!
Deutsche Kommentatoren wiederholen seit gestern mantraartig, die Griechen hätten wohl gar nicht richtig gewußt. wofür oder wogegen sie abstimmen. Aber, meiner Meinung nach, spielt das am Ende keine Rolle. In der Mehrheit stimmten die "Nein-Sager" für ihre Autonomie - nicht die politisch-wirtschaftliche, eher für die ontologische, sofern wir sie als Selbstverständis begreifen wollen.
Es hat sich nun bewahrheitet, daß man einem Volk dieses Selbstverständis nicht so ohne Weiteres absprechen kann, daß man es nicht bis zum Anschlag realiter knechten und moralisch erniedrigen kann (wobei ich, wie schon öfter betont, nicht verschweigen will, daß nicht Weniges faul im griechischen Staat ist!).

Seit heute Morgen überschlagen sich die Ereignisse weiter.
Der interessante, jedoch streitbare griechische Finanzminister, der als Wirtschaftswissenschaftler auf dem politischen Parkett keine glückliche Figur machen konnte, weil er vollkommen außerhalb seiner "Welt" war, trat am frühen Morgen zurück. Die Banken bleiben auch weiterhin geschlossen. Die europäischen "Partner", doch immerhin etwas "irritiert" über dieses klare NEIN, üben sich in verstärktem Säbelrasseln und Endzeitevokationen. Aber dies alles ist nur zu bekanntes Kalkül in den "höheren" Sphären der Politik.
Immerhin: Ein Kampf findet wohl statt, ein Kampf zwischen humanistischen Werten in einem solidarischen Europa und geldgierigem, hegemonialem Machtdenken ....

Wir Menschen hier wissen nicht, was uns morgen erwarten wird. Wir begnügen uns mit dem Abwarten, dem Hoffen, dem Bangen, dem von der Hand in den Mund leben. Wir wissen nicht, wie lange die Bankautomaten noch "Papier" ausspucken werden, wir wissen nicht, wie lange und ob wir Arbeit haben werden, wir wissen nicht, was aus uns werden soll, sollten wir überraschend krank werden....

Ich lebe nun seit 21 Jahren hier, fühle mich den griechischen Mitmenschen natürlich inzwischen näher als meinen deutschen Landsleuten. Ich bin zu lange aus Deutschland weg, um auch die täglichen Belange und Probleme der Deutschen wirklich richtig einschätzen zu können. Unser Leben ist nur da, wo wir real sind. Und gerade als Deutsche in Griechenland schmerzen mich all die haßerfüllten Aussagen, die gegenseitigen Schuldzuweisungen, die gegenseitige Häme.... All das hat mit mir, mit meiner Familie, mit meinen griechischen und deutschen Freunden so gar nichts zu tun!

Wähnte ich noch vor einiger Zeit ein vereintes Europa ohne Grenzen als das erstrebenswerte Ideal, in das mein Kind und die kommenden Generationen als "Europäer mit nationalen Wurzeln" hineinwachsen sollten, so zeigt mir die Erfahrung der letzten Monate, daß wir davon weiter entfernt sind als jemals zuvor.
Wir sind nicht in der Lage, die Mentalität des anderen "Europäers" zu akzeptieren, geschweige denn zu verstehen. Dabei höre ich nichts von dem, was Kommentatoren und Politiker in den letzten Tagen über das "andere" Volk so von sich gegeben haben, in meinem privaten Umfeld!!!

Entsprechend irreal erscheint mir das ganze Geschehen um mich herum manchmal...
Real für uns Alle hier bleibt nur die existenzielle Krise.


Ich bedarf einer Krisis. 
Die Natur bereitet eine Zerstörung, um neu zu gebären.
Friedrich von Schiller





Samstag, 4. Juli 2015

Wer kämpft.......

Die Gemüter kochen nun so kurz vor dem morgigen Referendum. Mir kam spontan das bekannte Zitat von Aristoteles in den Sinn, denke ich an diese Regierung, die am Ende vielleicht glücklos sein wird.

Die Medien, die in dieser Krise hüben wie drüben wieder einmal klar gemacht haben, wie weit wir von einem unabhängigen Journalismus entfernt sind, überschlagen sich mit richtigen, falschen, tendenziösen, zynischen, halbwahren, mutmaßenden, überheblichen etc. Meldungen.
Keine Chance mehr für den Leser/Zuschauer, sich da noch rauszufinden.
Und so werden viele Menschen morgen wohl eine Entscheidung "aus dem Bauch heraus" treffen, wenn sie vor dem Stimmzettel stehen.
Athen leert sich zusehends. Da in Griechenland viele Bürger in ihren Heimatorten wählen müssen, ist die Stadtflucht enorm. Immerhin erließ die Regierung die Autobahnmaut und halbierte die Überlandbustarife, um den finanziell Klammen die Fahrt zu ermöglichen.
Und so ist es ruhig um uns herum hier in Athen. Aber natürlich ist es nur die Ruhe vor dem Sturm, der uns Alle ab Montag erwartet....
Habt ein schönes Wochende, sofern Ihr nicht in Griechenland lebt! Ach ja: die Griechen haben den Deutschen die Sommerhitze geschickt - hier ist es dagegen ungewöhnlich windig und der Jahreszeit entsprechend unangemessen "kühl"!!! Selbst das Wetter reflektiert die Ausnahmesituation, könnte man schon fast sagen.....

Donnerstag, 2. Juli 2015

Denk ich an Griechenland....

Bei all dem Gerangel um das kommende Referendum in Griechenland, bei all dem Lesen von Artikeln und Beiträgen im Internet, bei all dem Reden mit den Menschen um mich herum kam mir spontan heute Heinrich Heine in den Sinn....mit einer kleinen "Veränderung":
Denk ich an Griechenland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht...

Für die Interessierten, die sich eine Meinung bilden wollen - oder müssen - ist der Wust an Informationen schier unübersichtlich geworden. Das Fernsehen bombadiert uns fast im Minutentakt mit Sendungen zum Thema, online-Redaktionen posten ohne Unterlaß ihre Beiträge und Kolumnen, auch fragwürdige Blogs des Internets verbreiten ihre Theorien. Es ist kaum noch möglich, sich da irgendwie zurechtzufinden. Und natürlich entgeht man auch den unzähligen persönlichen Meinungen der Facebook-User nicht...
Jetzt darf ich als Deutsche hier in Griechenland ja nicht abstimmen, dennoch frage ich mich, wohin ich denn mein "Kreuzerl" setzen würde, wenn ich dürfte... Immerhin ärgert mich der Umstand, daß ich in diesem Fall nicht abstimmen darf, lebe und arbeite ich doch seit 20 Jahren hier.

Denkt man über diese Wahl nach, der sich die Griechen in 3 Tagen stellen müssen, so kommt mir als erstes ein griechisches Sprichwort in den Sinn
"μπρος γκρεμός και πίσω ρέμα"
Frei übersetzt steht man dabei zwischen zwei Feuern, und so ist es eine Metapher für das Dilemma, in dem sich die Griechen nun befinden:
Sie haben die Wahl zwischen einem von den "Institutionen" auf Jahrzehnte bereits vorausberechneten ärmlichen Leben, bei dem sie gleichzeitig jedoch ein gewaltiges Wirtschaftswachstum stemmen müßten - ohne daß - zumindest bisher - konkrete Pläne in Form eines "Marshallplans" existieren.

Oder sie verweigern sich am Sonntag diesen weiteren sogenannten "Hilfsprogrammen" und koppeln das Land damit von weiterem Geldfluß, vielleicht von der Euro-Währung und irgendwie - wenn auch nicht rechtlich - auch von der Eurozone ab, mit unvorhersehbaren Folgen.

Wie man sieht, ist Beides nicht gerade das Gelbe vom Ei und ich neide es keinem hier, daß er so eine Wahl treffen muß...

Ohne auf die Einzelheiten eingehen zu wollen - oder zu können - komme ich selbst nach langem Nachdenken jedoch zum Schluß, daß ich mit NEIN stimmen würde. 

Meine Gründe sind einfach:
1. Ich persönlich kann mit meiner kleinen Werkstatt keine weiteren Steuererhöhungen mehr erwirtschaften. Ich würde zweifelsohne noch weiter in die Mühle der Steuerschulden absinken und damit wäre der endgültige Konkurs nur eine Frage der Zeit. 
2. Wenn das wenige Geld, das der griechische Staat einnehmen könnte, gleich wieder an die Gläubiger geht und nicht im Land selbst investiert werden kann, wird die wirtschaftliche Rezession ungebremst ihre Talfahrt fortsetzen.
3. Wenn die Griechen nicht endlich quasi gezwungen werden, sich auf die eigenen Füße zu stellen, wird es hier nie zu den so nötigen tiefgreifenden Reformen kommen. (Dies übrigens ein Gedanke, den der ehemalige IWF-Chef Strauss-Kahn schon 2010 geäußert hat - bevor man ihn absägte!).
4. Sollte die Mehrheit für diese "Hilfsprogramme" stimmen, wird die junge Regierung zurücktreten - unzweifelhaft auch das ein Ziel, das die "Institutionen" und meisten europäischen Regierungen im Auge hatten, als sie der gr. Regierung Angebote machten, die diese nur abweisen konnte.  In Ermangelung irgendwelcher Alternativen wird die alte, korrupte Politikerriege sich zurückmelden, ein absolutes Horrorszenario für uns alle hier!
5. Und mein letzter Gedanke: Die Krise Griechenlands hat wohl allen Europäern vor Augen geführt, daß etwas faul ist "im Staate Europa". Einen "einenden" Europa-Gedanken gibt es nicht. Mehr denn je spielen nationale und wirtschaftliche Interessen die Hauptrolle. Und dieses hoffnungslose Gebilde ist nicht das Europa, das ich mir für mein Kind und die kommenden Generationen wünschen kann!

Jakob Augstein schrieb heute noch auf Spiegel-Online: 
Aber vielleicht gelingt den Griechen durch das Referendum am Sonntag genau das: 
den Kontinent mit jener Krankheit zu infizieren, die von der Macht des Geldes 
am meisten gefürchtet wird - Hoffnung.

Dies wären meine ganz persönlichen Überlegungen, dürfte ich am Sonntag wählen.
Nun, in ein paar Tagen werden wir es wissen. Bis dahin müssen wir uns gedulden. Daß es einschneidend und wahrscheinlich fast untragbar für uns alle hier werden wird, ist klar - ganz egal, wie das Volk sich entscheiden wird!