Samstag, 31. Januar 2015

...auch die meisten deutschen Medien fabrizieren sparfixierte Schablonengedanken am Stück. - Georg Diez


Carl Rottmann, 1836
Nun ist es kaum eine Woche her, daß die Griechen ihre bisherige Regierung "abgestraft" haben. Und schon erhebt sich in Deutschland ein wahrer "shitstorm" gegen die Griechen und ihre neue Regierung. Man konnte fast denken, die Deutschen hätten Griechenland lieber weiter mit den korrupten Holzköpfen gesehen, die sich keine frischen Gedanken mehr erlaubten und alltäglich den demütigen Kniefall vor den Banken übten!
Natürlich verfolgte ich die letzten Tage ausgiebig die Berichterstattungen in den Medien. Das Thema Griechenland beherrschte in Deutschland die Polittalks von Maybritt Illner bis zu Frank Plasberg, fast jede Nachrichtensendung begann erstmal mit dem Griechenland-Thema: Panik, Unverständnis und Drohungen allerorts.
Auch auf Facebook ging es heiß her, vor allem in einigen Gruppen von Deutschen, die in Griechenland leben oder Griechen, die lange in Deutschland gelebt haben. Was wurde da diskutiert und auch polemisiert: Artikel der griechischen und deutschen Presse wurden eingestellt und kommentiert, Intelligentes und weniger Intelligentes wurde gepostet.Was war da zu lesen über die faulen und nur ihrem überzogenen Konsum nachweinenden Griechen, was war da zu lesen über die arroganten Deutschen, die die Euroländer kujonieren...man schenkte sich gegenseitig nichts.
Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Ich wehre mich nach wie vor innerlich gegen so viele Deutsche, die meinen, sie könnten sich ein Urteil erlauben, obwohl sie noch nie einen Fuß in dieses Land gesetzt haben. Und genauso finde ich z.B. Bilder in Griechenland von Frau Merkel mit Hitlerbärtchen oder als Insassin eines Konzentrationslagers einfach nur geschmacklos...
Generell schmerzt es mal wieder, daß Berichterstattung, Rezeption und Reaktion in beiden Ländern natürlich opportunistisch und einseitig sind. Ab und an sind dann doch einige wenige interessante Artikel zu lesen, die zumindest versuchen, einigermaßen objektiv zu analysieren - immerhin.
Das Problem der Beeinflussung durch die unfreie Presse ist also vor allem in solchen Zeiten wieder zu spüren. Wem und was soll der Leser/Fernsehzuschauer nun eigentlich glauben? Am Ende kann man nur Fakten sammeln und zumindest versuchen, sich irgendwo in dem Wust von Informationen ein eigenes Bild zu machen...
Es spielt keine Rolle, warum die Griechen so gewählt haben: aus politischer Überzeugung, aus Protest, aus Ohnmacht; all diese Beweggründe sind legitim. Was ich mir wünschte, wäre ein wenig Geduld! Da sind nun jüngere Leute vor allem in den einflußreichsten und kritischsten Schlüsselpositionen (Tsipras, Varoufakis, Konstantopoulou), und man sollte ihnen erlauben, daß sie sich erstmal einarbeiten, wie es doch jedem von uns in einem neuen Job zugestanden wird. Gerade diese jüngeren Leute sind - im Gegensatz zu so vielen älteren und erschöpften Politikern - psychisch und auch physisch noch in der Lage, Dinge tatkräftig anzugehen und die eine oder andere Vision vielleicht zu realisieren. Nebenbei bemerkt: Daß Säbelrasseln zum politischen Geschäft gehört, das wissen doch auch Merkel, Schäuble & Co!
Ist es deshalb zuviel verlangt von den europäischen Partnern, der griechischen Regierung eine Chance zu geben, auch wenn es erstmal nicht bequem wird? Warum so gar keine Unterstützung für eine frische Politikerriege, die u.a. von den Griechen auch gewählt wurde, um eben endlich dem Sumpf aus Korruption, Steuerhinterziehung und Vetternwirtschaft hier den Garaus zu machen und dem Land seine Würde zurückzugeben? Am Ende können doch auch nur mit einer wirklich angekurbelten Wirtschaft Gelder zurückbezahlt werden....
Aber ich bin kein politischer Analyst, geschweige denn ein Ökonom oder Wirtschaftsexperte. Ich bin nur einfach eine Klein(st)unternehmerin, die hier ums Überleben kämpft wie so Viele. Wenn seit Montag griechische Minister mit dem Motorrad, dem Taxi oder mit dem eigenen Mittelklassewagen "zur Arbeit" fahren und die Luxus-Staatskarossen der vorherigen Ministerriege zum Verkauf angeboten werden, wenn die Ministerien drastisch zusammengelegt und neu organisiert werden, wenn sofort nach der Wahl die Absperrungen vor dem Parlament, mit denen sich die vorherige Regierung vor ihren wütenden Bürgern schützen wollte, abgebaut werden, dann mag das im Ausland belächelt werden. Aber für dieses Land sind es wichtige Statements, die zeigen sollen, daß es auch anders geht...
Deshalb, liebe Nicht-in-Griechenland-Lebende: Ich kann all dies nur mit den klugen Worten von Georg Christoph Lichtenberg zusammenfassen, wie sie heute früh auch auf griechisch auf Facebook zu lesen waren:

Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, 
wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen: 
es muss anders werden, wenn es gut werden soll.






Dienstag, 27. Januar 2015

...wo sich in einem großen Laissez-faire die abweisende Todeszone der Natur ausdehnt...- Roger Willemsen

Nach den Wahlen hier, die zumindest ein Hoffnungsschimmer sind, was die endgültige Ablösung der alten "Garde" anbelangt, wieder zurück zum Hauptanliegen meines bescheidenen Blogs:
Ich möchte euch heute ein Buch vorstellen, das ganz sicher seinen festen Platz in meinen Regalen finden wird.
Vor Weihnachten stellte ich Roger Willemsens Buch über sein Jahr im deutschen Parlament vor. Unter den letztens gebraucht erstandenen Büchern befanden sich auch seine Reiseberichte "Die Enden der Welt". Dies nahm ich eigentlich ohne jegliche Erwartung zur Hand - und wurde mehr als positiv überrascht! Daß Willemsen schreiben kann, war mir klar, aber ich hatte wahrlich nicht damit gerechnet, mit einem so äußerst begabten Romancier konfrontiert zu werden...
Willemsen nimmt den Leser mit auf seine Reisen, die ihn im Verlauf von 30 Jahren durch die Weltkontinente, an die ungewöhnlichsten Orte geführt hatten: Gibraltar, Minsk, Island, Kapstadt, Katmandu, Patagonien, Nordpol, Timbuktu etc.
Dabei sind dies keine akribisch notierten Reiseberichte, die, seien wir ehrlich, oft schnell langweilig werden können; Willemsen gibt einfach seine Eindrücke und Gedanken während dieser Reisen wieder: Flüchtige oder nachhaltige Begegnungen, beeindruckende Beschreibungen der Orte und Landschaften. Sein Besuch bei einem todkranken Kind ist der Ausgangspunkt, vor allem der Ausgangspunkt für seine Reflexionen über das Reisen selbst:
Sein Leben - von einer Lebensreise konnte man ja kaum sprechen - ging zu Ende, und ich fragte mich: Wohin wäre er gern gereist? Wo angekommen? Was hätte ihn getrieben? Was hätte er allein erfahren? Wo wäre ihm zugestoßen, was man eine Selbsterfahrung nennt? 
 Es geht in diesem Buch auch immer darum, daß Reisen ein Weg zu sich und auch weg von sich sein kann:
So gibt es Reisende, denen nur der erste Schritt gelingt: Sie folgen ihrem Impuls zu verschwinden. In der Fassade dringen sie weder zur Freude noch zum eigenen Bedürnis durch, verfangen sich in Fotografien, im eigenen Land, im Herkommen, in Analogien zum Bekannten. Und gelangen nicht weg von sich. 
Es gibt auf allen Reisen diese Stimmung, in der der Ausstieg dominiert. Noch ist man nirgends angekommen, noch möchte man nirgends ankommen. Fort will man sein, entkernt, gern heimatlos.

Beim Lesen erstaunte mich Willemsens Beobachtungsgabe und deren literarische Umsetzung. Als Germanist und Literaturwissenschaftler hat er sich natürlich durch die "hohe" Literatur gelesen, aber allein das reicht nicht aus, um so schreiben zu können, wie er es tut. Seine Sprache macht in ihrer metaphorischen Vielfalt, ihrem Wortreichtum und bestechenden Nachdenklichkeit einfach nur Freude:
Vor dem weiten Horizont streckt sich die sich selbst überlassene Natur in eine Ferne, die nur fern sein will, gereihte Silhouetten, für den Distanzblick gemacht. Alles flieht, die Landschaften dehnen sich, um auf immer neue Weise hintergründig zu werden. Der Mensch aber, klein gemacht vom Überfluss der Natur, verliert sich im Panorama des Seltenen...

Man kann dieses Buch getrost in Etappen lesen, kann von Kapitel zu Kapitel reisen, sich von Ort zu Ort weiter tasten oder ganz einfach frei treiben lassen. Ein sehr schönes Buch für all jene von uns, die gerne reisen - und sei es nur in Gedanken...

Sonntag, 25. Januar 2015

Solange man lebt, hofft man doch - Anita Lasker-Wallfisch

Politisches und Historisches beherrscht in diesen Tagen seit meinem letzten Beitrag meine Gedanken.
Heute finden in Griechenland - mal wieder - Parlamentswahlen statt. Die letzten Jahre haben das Land ohne Frage an den Abgrund und Unzählige seiner Bewohner (wohlgemerkt: nicht alle!) an den Rand der Verzweiflung gebracht....
Regierungswechsel ist gefordert. Ob es danach merklich besser wird, sei dahingestellt. Zu tief mißtraue ich all diesen politischen Systemen, die sich im Lobbyismus und egoistischem Kalkül verlieren und dabei die Menschen, denen sie eigentlich "dienen" sollten, vergessen. Dazu paßt, daß im Gegensatz zu früheren Wahlen in Griechenland eine gespenstische Ruhe herrscht: Keine Massenkundgebungen, keine Plakatflut. Fast möchte man meinen, der Bürger habe endlich verstanden, daß man im Grunde keinem Politiker wirklich trauen kann...
Trotzdem erlaube ich mir noch einen klitzekleinen Rest Naivität und hege ein Fünkchen Hoffnung, daß sich hier doch noch etwas zum Besseren wendet, einfach dadurch, daß diese so tief korrupte Riege der "verbrauchten" Politiker endlich abgewählt wird...und wenn schon nicht mehr für meine Generation, dann doch zumindest für all die Jugendlichen, die in Griechenland keine Zukunftschancen mehr haben.
Gestern erinnerte ich mich an ein Zitat von Niccolo Machiavelli, der es in aller Abgeklärtheit im 16. Jh. auf den Punkt brachte: Die Trennung von Politik und Moral. Moralische Grundsätze können für einen erfolgreichen Herrscher nicht federführend sein. Allein der Zweck heiligt die Mittel. Auch wenn heute kein Politiker sich als "Machiavellist" gerne tituliert sieht, so sind Machiavellis Gedanken nach wie vor aktuell....

Und ein anderes Thema beherrscht diese Tage noch die Medien: Am 27. Januar jährt sich zum 70. Mal der Tag der Befreiung von Auschwitz.
Auch dies ein Thema, das für mich nach wie vor relevant ist. Die kommende Woche werden viele Dokumentationen im Fernsehen gezeigt werden, viele Zeitzeugen werden zu Wort kommen. Auch Der Spiegel widmet seine aktuelle Ausgabe den Überlebenden von Ausschwitz. Anita Lasker-Wallfisch, eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, gab neulich im Fernsehen ein beeindruckendes Interview. So stieß ich auf ihr Buch, das im Jahr 2000 erschienen ist: Ihr sollt die Wahrheit erben.  Als Jugendliche wurde sie nach Bergen-Belsen und Auschwitz deportiert und überlebte nur, weil sie Cello spielen konnte und so in das Lagerorchester aufgenommen wurde. Ihr Buch steht ganz weit oben auf meiner Wunschliste!




Sonntag, 18. Januar 2015

Again: Lily Brett

Eigentlich wollte ich ja zum Thema Religion hier nun nichts mehr schreiben, wäre da nicht eine Kolumne der von mir letztens vorgestellten Schriftstellerin Lily Brett, die ich gestern spät nachts noch gelesen habe. Ich will die Kolumne hier in Auszügen wiedergeben - ohne weiteren Kommentar:

Religiösität
Ich wünschte, es gäbe einen Gott in meinem Leben. Ich wünschte, ich wäre religiös (...).
Ich bin nie religiös gewesen, nie gläubig gewesen. Ich bin Jüdin. Jüdin durch Geburt. Durch Tradition, Kultur und Geschichte in meinem Jugendtum verwurzelt. Nicht durch religiöse Unterweisung(...).Ich bin einem Elterhaus aufgewachsen, wo Gottes Abwesenheit gepredigt wurde. Wieder und wieder bekräftigten meine Eltern, daß es keinen Gott gäbe.
Für sie lag die Abwesenheit Gottes auf der Hand. Als sie sechs Jahre lang in der Hölle von Auschwitz und im Ghetto von Lodz litten und alle verloren, die sie liebten, war von einem Gott nichts zu spüren.
Beide kamen aus religiösen Familien, als sie gejagt und eingesperrt wurden. Nach der Katastrophe war es beiden nicht mehr möglich zu glauben (...).
Wenn ich heute die Sehnsucht, die Neigung oder das Bedürfnis verspüre, Religiösität in mein Leben einzubeziehen, komme ich mir dabei immer noch illoyal vor. Es ist sehr verwirrend.
Religiösität scheint die Ungewißheit zu lindern (...). Aber ich kann Ungewißheiten nicht leiden. Ich will alles genau festlegen. Ich will Gewißheit. Die Religiösität macht Ungewisses weniger ungewiß. Ich kann verstehen, was Leute daran anzieht. 
Und was sie an Struktur und Ordnung anzieht, die zur Religion gehören. Struktur und Routine und Ordnung habe ich schon immer geschätzt (...). Religiöse Routinehandlungen haben mich schon immer fasziniert. Ich habe Katholiken beim Rosenkranzbeten beobachtet, bis ich schier hypnotisiert war. Die gleiche magische Anziehung haben Juden, die ihre Gebetsriemen anlegen und Moslems, die sich im Gebet vor Allah neigen, auf mich ausgeübt.
Es gibt mir tröstliche Gewißheit, daß das Leben aus mehr besteht als dem gegenwärtigem Augenblick.
Ein weiterer beruhigender Aspekt der Religion ist ihre Verbindung zur Vergangenheit, einer Vergangenheit, die mehr Bestand hat als die Erinnerung an den letztwöchigen Urlaub oder das letztjährige Klassentreffen.
Und die Religion verschafft einem ein Zugehörigkeitsgefühl. Etwas, was in unserer immer mobileren und weniger vertrauten Welt von wachsender Bedeutung ist. Und ein Gemeinschaftsgefühl.(...)
Kein Wunder, daß Religiösität etwas Verlockendes hat.
Früher betrachtete ich religiöse Erscheinungen wie Rabbis oder Priester mit Ehrfurcht. Ich glaubte, sie besäßen Antworten auf unlösbare Dilemmas und Fragen. Aber ich habe Rabbis und Priester kennengelernt, die gejammert und gestritten und sich über Kleinigkeiten geärgert haben wie jedermann. Ich habe Rabbis und Priester kennengelernt, die mir nicht weniger hilflos und voreingenommen und selbstgerecht vorkamen als die meisten von uns. Wenige Rabbis und Priester habe ich erlebt, die klüger und entschlossener erschienen als der Durchschnittsmensch.
Der Durchschnittsrabbi  oder -priester ist so durchschnittlich wie jeder andere auch.
(Lily Brett, New York, Suhrkamp, S. 115-117)


Donnerstag, 15. Januar 2015

Nach all dem "seelischen" Aufruhr der letzten Tage, wieder "back to the roots" mit einer kleinen Lektüreempfehlung:
Gerstern habe ich fast den gesamten Abend mit einem Büchlein verbracht:
Lily Brett, 1946 in Deutschland geboren als Tochter jüdischer Eltern, die Ausschwitz überlebt hatten und 1948 nach Australien auswanderten. Brett arbeitet als Journalistin und lebt seit 1989 mit ihrem Mann in New York. Sie schreibt Romane, Gedichte und Kolumnen. Bekannt wurde sie u.a. durch ihren Roman "Einfach so", der 1994 in Amerika erschien.
Irgendwie war mir ihr Name geläufig, und so fiel mir das gebrauchte Buch "New York" in den Schoß. Es ist eine kleine Sammlung ihrer wöchentlichen Kolumnen, die sie ein Jahr lang in "Die Zeit" veröffentlicht hatte. Ich lese sehr gern Kolumnen aller Art, vor allem, wenn sie geistreich geschrieben sind. Außerdem bin ich ja ein bekennender New York-Fan - auch wenn ich noch nie dort gewesen bin. Immer noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben,, daß es mir einmal in meinem Leben noch vergönnt sein möge (falls ich z.B. mal im Lotto gewinnen würde!!!). Ich lese mit Vergnügen alle Art von Büchern, die irgendwie mit New York zu tun haben, oder sehe gerne gute Filme und Serien, die in New York spielen. Bretts Buch war dementsprechend Wasser auf meinen Mühlen...
Sie beschreibt höchst vergnüglich ihr Leben in New York, ihre tiefe Verbundenheit mit der Stadt, ihre kleinen Erlebnisse dort. Es geht um alle möglichen alltäglichen Themen, aber auch die nachdenklichen und tiefschürfenden Momente fehlen nicht.
Wie könnte ich diese Lektüre beschreiben? Spontan fällt mir das Wort "reizend" ein. Ja, ich glaube, das charakterisiert es ganz gut. Man kann sich so herrlich in den kurzen Kolumnen verlieren und will immer noch die nächste, die übernächste, die überübernächste lesen....
Versteht sich von selbst, daß ich mich nun auf die Suche nach ihren Romanen mache!!!

Dienstag, 13. Januar 2015

Wir tragen das Kreuz dafür, dass wir menschlich sind. - Sokrates

Gedanken über Gedanken nach all den Fragen über Fragen, die sich anläßlich der Anschläge auf Charlie Hebdo wieder aufgetan haben.
Ein Beitrag der FAZ erregte in all den Veröffentlichungen dennoch meine besondere Aufmerksamkeit. Erinnert sich noch jemand an Karl Popper, den viele von uns, die wir schon den etwas älteren "Semestern" hier angehören, in unseren "wilden" Studentenzeiten in den 80ern gelesen haben? Ich jedenfalls hatte diese Lektüre schon lange vergessen...
Der Artikel in der FAZ machte mich jetzt wieder neugierig auf Popper. Ich werde versuchen, das Buch irgendwo auszugraben und wieder mal lesen. Karl Poppers Gedanken erscheinen mir aktueller denn je....
Vielleicht werdet auch ihr angeregt durch den Artikel  http://www.faz.net/aktuell/politik/popper-und-der-terror-gegen-die-offene-gesellschaft-13363168.html.
Aber ganz abgesehen von Poppers Gedankengut, rumort in mir - seit ich eingermaßen logisch denken kann -  nur der eine Gedanke:
Wo bleibt die Menschlichkeit in unserem Dasein? Was haben wir denn nach Tausenden von Jahren aus dem antiken Humanitas-Gedanken gemacht, wir, die wir uns für so fortschrittlich, so demokratisch, so gebildet halten und den vergangenen Zeiten gegenüber uns so überheblich gebieren? Seneca schrieb: Homo res sacra homini - Der Mensch ist dem Menschen heilig.
Eigentlich ein ganz einfacher Gedanke.

Sonntag, 11. Januar 2015

Fragen über Fragen....

Wer kennt das Zitat nicht: "Religion ist Opium für das Volk".
Aktueller denn je, als vorgestern 17 Menschen in Paris starben, hingerichtet von islamischen Fanatikern. Nun erhitzen sich allüberall wieder die Gemüter, was Religion bzw. verirrter Glaube aus den Menschen machen kann. Wir leben in der Zeit nach 9/11, in den Tagen von PEGIDA, von Gegendemonstrationen, von wieder aufkeimendem Fremdenhass, von erstarkendem Rechtspopulismus.
Verbrachten wir die letzten paar Jahrzehnte in der Vorstellung, daß Menschen unterschiedlicher Religionsauffassungen und Nationalitäten friedlich miteinander existieren könnten, zumindest im westlichen Europa, zeigen die ersten Jahre nach der Jahrtausendwende, daß diese Vorstellung nach wie vor naiv und trügerisch ist.
Dogmatische Religionsauffassung, egal welcher Couleur, hat dem Menschen noch niemals Gutes gebracht, wie uns die Geschichte lehrt. Allzuviel wurde und wird weiterhin gemordet, verachtet, ausgegrenzt im Namen Gottes, egal wohin wir sehen. Muß ich dann aber nicht logischerweise die Frage stellen, wie läßt sich jedwede Gottesauffassung mit den dementsprechenden historischen Fakten vereinbaren? Warum sagt man so leger dahin "Glaube macht blind"?
Religion ist nicht gleich Glaube, das wissen wir natürlich. Und es steht mir nicht an zu untersuchen, warum und ob ich und andere glauben oder nicht glauben. Dies sei Jedem selbst überlassen. Aber Fragen über Fragen drängen sich mir auf: Ruhen wir denn so wenig in uns selbst, sind wir denn alle so sehr auf der existenziellen Sinnsuche, daß wir etwas so Irreales wie die Gottesvorstellung benötigen, um uns im realen Hier und Jetzt zurechtfinden zu können, um die alltäglichen Anforderungen unseres Lebens meistern, die oft auch unerträglichen Seiten unseres Daseins aushalten zu können? Warum brauchen wir so sehr diese kindlich naive Vorstellung eines gutgütigen und allwissenden Gottes? Haben denn nicht schon Jahrtausende vor Christus oder Mohammed Philosophen sich erschöpfend mit den Belangen der Ethik und Moral, der Frage nach dem Sinn des Daseins auseinandergesetzt? Warum benötigt der Mensch nach wie vor das dogmatische Korsett einer Religion?
Fragen über Fragen angesichts der aktuellen Ereignisse...

Ich muß spontan an meinen ersten Besuch in Rom denken, an den so überwältigenden Eindruck des Petersdoms. Und ganz abgesehen vom kunstgeschichtlich unvergleichlichen Erlebnis in diesem Bauwerk, beschlich mich danach ein unerbittlich bohrender Gedanke: Warum empfinde ich beim Anblick all der Skulpturen und Gemälde eine so unterschwellige Einschüchterung? Warum blickt der Tod in unzähligen Fratzen den aufmerksamen Besucher an in dieser Kirche? Die unheimliche Größe des Bauwerks, auch dies nur ein selbstverliebter Darstellungszwang, ein Mittel zur Einschüchterung, zum angstgespeisten Glauben? Ein zwiespältiges Gefühl blieb seit damals...
Karl Marx kommt mir in den Sinn:

"Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem
 die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, 
das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.  
Sie ist das Opium des Volks."
(Karl Marx: Einleitung zu "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie")

Gerade findet ein riesiger Trauermarsch in Paris statt! Einen interessanten Nachtrag mit tiefgründigen Gedanken über die weitreichende Bedeutung des Attentats von Paris findet ihr hier: http://www.newyorker.com/culture/cultural-comment/unmournable-bodies
Ich wünsche Euch noch einen geruhsamen Sonntagnachmittag....

Dienstag, 6. Januar 2015

Die Anbetung der Könige....

Mal wieder ein kurzer Ausflug in die Kunstgeschichte - passend zum heutigen Heilig-Drei-Königsfest oder dem Festtag der Erscheinung des Herrn (Epiphanie), wie die evangelische und auch orthodoxe Kirche den Tag feiern.
Wir kennen alle mehr oder weniger die Bilder zum Thema "Anbetung der Könige". Das Motiv zieht sich seit der Spätantike durch viele Epochen der Kunstgeschichte und war natürlich vor allem in der religiösen Kunst der Renaissance sehr beliebt.
Im Matthäusevangelium heißt es:
  
Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, 
kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König 
der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. [...] Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen
 in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.

Viele der bekanntesten Renaissancemaler haben sich dem Thema gewidmet. Herausgesucht habe ich Euch einige der schönsten Bilder:

Gentile da Fabriano, 1423



Sandro Botticelli, 1475
Benozzo Gozzoli, Der Zug der Heiligen Drei Könige (Detail), ab 1459

Albrecht Dürer, 1505
Und fehlen darf natürlich nicht eine beeindruckende Ikone, die hier im Athener Benaki-Museum hängt. Sie ist ein wunderbares Beispiel für den Einfluß der westlichen Renaissance-Ikonographie auf die byzantinische Kunst (das im Einzelnen zu erklären, würde aber den Rahmen dieses Beitrags sprengen!):

Ioannis Perminiatis, ca. 1520

Ich wünsche Euch einen schönen Feiertag zum Ausspannen....und Lesen natürlich!

Freitag, 2. Januar 2015

Buchausblicke...

Am ersten Tag des neuen Jahres, draußen ist es kalt und scheußlich, hier drinnen gemütlich mit Kaminfeuer...
Meine Gedanken kreisen um das Lesen.
In vielen Blogs hier wurde - passend zum Jahresende - "Lese-Inventur" gemacht, z.B. nachgerechnet, wieviele Bücher man gelesen hat im vergangenen Jahr, welche schönen Bücher darunter waren und ähnliche "Buchgeschichten"...
Als passionierter Leser denke ich natürlich auch über meine Bücher des letzten Jahres nach, nicht wieviele es waren, sondern welche mich besonders inspiriert haben, welche neue Autoren ich für mich entdeckt habe, welche großartigen Lektüren ich besonders in Erinnerung behalten habe (schlechte Bücher vergesse ich meist sehr schnell).

Mein "Buchausblick" auf das Neue Jahr?
Hier steht so Einiges in den Regalen, das ich im kommenden Jahr lesen will, auch so manch "vertagtes" Buch ist dabei. Meist sind dies die Bücher, zu denen ich nicht sofort den richtigen Zugang gefunden hatte, auch Bücher, an denen ich vorerst gescheitert bin, die ich aber nichtsdestotrotz immer noch lesen will....und natürlich viel Unbekanntes, das noch seiner Entdeckung harrt!
Konkretes will ich mir aber nicht vornehmen, denn die Bücherwürmer unter euch werden das Dilemma kennen: Da nimmt man sich die nächste Lektüre fest vor und dann durchkreuzt ein Buch, das einem zufällig über den Weg läuft, diese Pläne wieder....
Und genau wie im richtigen Leben, ist das doch das Spannendste am Lesen: Man weiß nie, was da kommen mag...
Wozu also irgendwelche Vorsätze!?

Und zum Lesebeginn des Neuen Jahres noch ein kleines Fundstück für alle Bücherfreunde hier: