Sonntag, 29. Juni 2014

Heiße Tage und ein Sonntagsgruß....

Die verfluchte Sommerhitze, jetzt ist sie definitiv da! Zwei Tage lang bekamen wir einen Vorgeschmack darauf, wie das Leben in einer so großen Stadt bei 40 Grad sein kann...
Weil ich diese Tage der unerträglich flirrenden Hitze in der Stadt so gar nicht mehr leiden mag, igele ich mich ein (inklusive Klimaanlage) und versuche, an solchen Tagen nur spätnachmittags nach der Arbeit oder abends länger aus dem Haus zu gehen.
Das hat zumindest den Vorteil, daß man ab und zu auch auf dumme Gedanken kommt, wie zum Beispiel mal ein paar Photos zu schießen für die "Bewerbung" meines  Shops:








 

Seit gestern ist es wieder etwas kühler geworden, es weht ein frisches Lüftchen und so freue ich mich auf einen schönen sonnigen Sonntag und gehe jetzt gleich mal ein paar Blümchen pflanzen....

Freitag, 27. Juni 2014

A bisserl was geht immer... Monaco Franze

Es gelingt einem ja nicht einmal, seine eigenen Depressionen ernst zu nehmen.
 Und das macht erst recht depressiv.

Dieses Zitat stammt von keinem Geringeren als Helmut Dietl.
Anläßlich seines 70. Geburtstages sendet das Fernsehen seit einigen Tagen diverse Porträts und Hommages.
Nun, natürlich bin ich als Wahlmünchnerin ein Fan dieses Regisseurs und Filmautors.
Die Serien wie "Münchner Geschichten", "Der ganz normale Wahnsinn", "Monaco Franze" oder "Kir Royal" waren im Grunde die Quintessenz des Lebens im München der späten 70er,  80er und frühen 90er Jahre.

Genau die Jahre, die ich dort gelebt habe. Es gibt wohl keinen anderen Filmemacher, der das so eigene Lebensgefühl dieser Stadt und dieser Jahre intelligenter, humoristischer und pointierter auf den Punkt gebracht hat. Vieles in seinen Serien ist sicher nur uns "Münchnern" jener Jahre verständlich, manch speziell-hintergründiger Humor mag nur uns Bayern so gänzlich zugänglich sein, aber jeder Zuschauer konnte wohl das allgemeine Lebensgefühl dieser Jahre mitempfinden. Viele seiner Schauspieler werden für immer mit ihren "Dietl-Rollen" in Erinnerung bleiben, meistens waren sie sowieso die Sahnehäubchen der damaligen deutschen und bayerischen Schauspielerriege. Ich liebe diese Serien und auch einige seiner späteren Filme, auch wenn ich Helmut Dietl immer noch vorrangig mit seinen oben genannten Serien verbinde. Sie waren und sind einfach unerreichbar - und sie gehören einfach zu meinen sechzehn wunderbaren Jahren in München, den sicherlich wichtigsten Jahren in meinem Leben, die so entscheidend waren für all die folgenden....
Viel ist in den letzten Tagen über Dietl gesagt und geschrieben worden, seine Serien werden in den nächsten Wochen und Monaten im Bayerischen Fernsehen wiederholt werden. Gerade habe ich ein wunderbares Porträt über Dietl im bayerischen Kulturmagazin "Capriccio" gesehen. Eine Quintessenz, die mit den Worten endete: "Wir verneigen uns vor ihm".
Angesichts seines Lebenswerks ist jedes weitere Wort überflüssig....

Donnerstag, 26. Juni 2014

Sometimes you eat the bear and sometimes the bear, well, he eats you. - The Big Lebowski

Kennt Ihr das, wenn ein Tag so vollkommen unproduktiv und "daneben" ist?
Heute war so ein Tag!
Da hat man am frühen Morgen die besten Vorsätze, hat sich seinen Plan zurechtgelegt - und dann kommt alles ganz anders. Nun muß man sich in einer Werkstatt ja meist schon am Vortag genau überlegen, was man am nächsten Tag so an Aufträgen herzustellen hat, man muß sich um die Materialien kümmern, man muß Kunden anrufen, Liefertermine abklären etc.
Und dann muß man im Laufe des Tages feststellen, daß das heute einfach nichts wird:
- weil z.B. Kunden mit aufwendigen Sonderwünschen anrufen, die man dann behutsam auf den Boden der" buchbinderischen Tatsachen" zurückbringen muß
- weil z.B. noch immer wichtige Materialien viel zu spät geliefert werden
- weil z.B. auf einmal eine Kundin ohne Vorwarnung hereinschneit und einen ungeplant lange beschäftigt
- weil ein anderer Kunde seinen Termin stündlich hinauszögert und am Ende dann gar nicht erscheint
...der "ganz normale Wahnsinn" eben!
Früher, als wir noch mehrere Angestellte hatten und ich mich vorrangig um meine Kunden kümmerte, war das kein Problem. Heute jedoch, wo man in diesen Krisenzeiten viel mehr wieder selbst in die reine Herstellung eingebunden ist, kann einen das ganz schön durcheinanderbringen.
Und ich habe zudem die Angewohnheit, daß ich mich an einem solchen Tag als so "unnütz" empfinde, wenn ich meine Aufträge nicht in der geplanten Zeit fertigstellen konnte und der Tag ergebnislos an mir vorbeigerauscht ist.  Im Gegensatz zu meiner früheren "Kopftätigkeit", ist die Buchbinderei ja eine Arbeit mit greifbaren "Ergebnissen", wenn aber am Ende des Tages selbst die nicht mehr übrigbleiben, dann werde ich ganz kirre....
Wie auch immer, dieser komische Tag ist Gott sei Dank vorbei!
Vielleicht war er auch einfach nur die "Strafe" für den produktiven und schönen gestrigen Tag, an dem ich so nette neue Kunden mit einem wunderschönen deutschen Buchladen hier in Athen kennengelernt habe und einen Platz auf einer interessanten Verkaufsmesse im Herbst ergattern konnte....



Wie das obige Zitat eben sagt: 
Mal fressen wir den Bär und mal frißt er uns!!! 

Ich hoffe nur, ich habe dem Bär heute gemundet!

Sonntag, 22. Juni 2014

Tierisch interessant....

Wie es sich die letzten Sonntage so eingebürgert hat, bei meiner ersten gemütlichen Tasse Kaffee erstmal mein Gruß hinaus in die Bloggerlandschaft.
Und wieder mal wird es "tierisch"....

Da "fiel" gestern ein Büchlein aus meinem Regal noch zu lesender Bücher:
Hugo Loetscher, Der predigende Hahn. Das literarisch-moralische Nutztier

Der Klappentext las sich schon ganz interessant, der Schweizer Autor beschäftigt sich in dem Buch mit "Bildern aus der wundersamen Welt der vermenschlichten Tiere und ihrer vertierten Schöpfer, festgehalten von den Großen der Kunstgeschichte. Fast unglaubliche Funde bringt Hugo Loetscher zu Tage aus allen Ecken und Epochen der Weltliteratur - und zeigt, daß auch kaum einer der uns bekannten Autoren ohne das Tier hätte leben und schreiben können..."

Natürlich bin ich gerade mal auf den ersten Seiten, aber ich weiß jetzt schon, ich werde das Buch weiterlesen, verspricht schon der Auftakt recht Vergnügliches und Interessantes:
Nachdem die Tiere reden gelernt hatten, blieben sie dabei, sofern man sie zu Wort kommen ließ. Sie redeten sich bis heute durch Jahrhunderte und Kulturen hindurch und hinweg. Reden oder Nicht-Reden: ein tierliches Existenzproblem.[...] Reden, um nicht gefressen zu werden, erwies sich bereits für den Menschen als Methode, der nur bedingt Erfolg beschieden war. Aus vielem, was einer aus Verzweiflung hervorbrachte, hörte manch anderer "Mahlzeit" heraus"....

Und wie ihr sehen könnt, schreibe auch ich zur Zeit immer in Gesellschaft meiner kleinen, tierischen Mitbewohner, die dann bei Gelegenheit schon mal über die Tastatur tapsen, weshalb ich mir angewöhnen mußte, öfter als sonst abzuspeichern....


Unser kleiner "Balkonwächter"- immer auf der Hut!
Einen schönen Sonntag wünsche ich Euch!

Mittwoch, 18. Juni 2014

Alles eine Frage der Höflichkeit....

Höflichkeit ist wie ein Luftkissen: es mag wohl nichts drin sein, 
aber es mildert die Stöße des Lebens.
Arthur Schopenhauer


Neulich schrieb ich ja schon über unsere vernachlässigte Sprache innerhalb der modernen Kommunikationsmedien. Aus aktuellem Anlaß möchte ich noch einen anderen Aspekt hinzufügen: Das Verschwinden jeglicher Höflichkeit durch diese neue Art der Kommunikation.

Sollte so Mancher vielleicht lesen....
Da schreibt man eine geschäftliche Email mit einer einfachen Anfrage und muß sage und schreibe 13 Tage auf eine Antwort warten! Genau das ist mir erst neulich passiert. Gut, ein paar Tage "Luft" sollte man dem Empfänger zugestehen. Als aber nach 1 Woche noch keine Reaktion kam, habe ich dieselbe Email - schon gehörig genervt - mit dem Zusatz "2. Versuch!" nochmals verschickt. Danach beschlich mich noch dazu die Unsicherheit, ob die Email dort überhaupt je angekommen ist! Ich überprüfte nochmal die Adresse und überlegte mir dann zeitweise, dort anzurufen und nachzufragen...Jedenfalls kam nach weiteren 5 Tagen dann endlich eine Antwort - ohne ein Wort der Entschuldigung für die Verzögerung, versteht sich!
Darüber habe ich mich außerordentlich geärgert, denn gerade die heutigen Kommunikationsmittel wie Email erlauben es, z.B. eine automatische Antwort zu generieren, die den Erhalt bestätigt, wenn man noch etwas Zeit für die definitive Antwort benötigt, oder darauf hinweist, daß der Empfänger zur Zeit in Urlaub ist, oder oder oder....
Da sitze ich nun jeden Tag am Laptop, checke meine Emails durch, bestätige den Erhalt, bitte mir noch etwas Zeit aus oder schreibe definitive Antworten. Und ich empfinde das als äußerst einfach und zeitsparend, wenn ich an frühere berufliche Erfahrungen denke, wo man noch Briefe, später dann Faxe verschicken mußte oder anrufen mußte, um den Erhalt eines Schreibens zu bestätigen und auf später vertrösten mußte. Dies gehörte in der Privatwirtschaft - nicht unbedingt im Amtswesen - einfach zum professionellen und höflichen Geschäftsgebaren.
Heute ist davon oft nicht mehr viel zu spüren. Diese Art "geschäftsunmäßiger" Unhöflichkeit begegnet mir immer wieder, und nach wie vor kann ich mich maßlos darüber aufregen. Dem Absender wird damit -willentlich oder unwillentlich- suggeriert, daß man ihn nicht ernst nimmt, geschweige denn sein Anliegen.
Unsere Kommunikationswelt ist so einfach geworden, was vor allem im professionellen Tagesgeschäft ein absoluter Segen ist, dabei sollte man dennoch nicht vergessen, daß noch immer Menschen und menschliche Anliegen hinter all den Emails stecken. Wir rennen rum mit unseren Smartphones, können jede Email sofort sehen, twittern, posten etc.. Im Privatbereich sind wir ja so schnell zur Hand mit Antworten, warum dann nicht auch im täglichen Berufsleben?  Man mag kein Papier mehr in der Hand halten, das einen täglich ermahnt, daß man antworten muß, aber auch eine Email ist nach wie vor ein Schreiben, das einer Antwort bzw. höflichen Zwischenantwort würdig ist....
 Und die Moral von der Geschicht':  
Solches Geschäftsgebaren läßt immer einen ersten, schwer revidierbaren  Rückschluß auf den Empfänger, seine Unprofessionalität und seine Unhöflichkeit zu!

Sonntag, 15. Juni 2014

Musikalischer Sonntagsgruß....

Nach längerer Zeit der finanziell verordneten kulturellen "Enthaltsamkeit" habe ich mir und dem besten aller Ehemänner gestern abend den kleinen Luxus gegönnt, Mozarts Don Giovanni anzusehen und anzuhören. Die Oper wird hier in Griechenland nicht sehr oft gespielt, aber dann auch noch an einem milden Sommerabend im so einzigartigen Amphitheater des Herodes Atticus unterhalb der Akropolis...da konnte ich einfach nicht nein sagen, als ich relativ preiswerte Karten ergattern konnte, finanzielle Engpässe hin oder her! Und deshalb war dieser Abend sicher mein absolutes Highlight dieses Sommers ... Wie heisst es so schön: Man gönnt sich ja sonst nichts!

Das moderne Bühnenbild mit einer Straßenszene, einer Containerbar und sage und schreibe 4 Obdachlosen ließ erstmal nichts Gutes erwarten. Skepsis machte sich breit. Aber als sich dann langsam die laue Nacht über die Szenerie senkte und das Orchester mit der Ouvertüre begann, war ich sofort wieder voll und ganz gefangen in der Welt "meiner" Oper....
Es stellte sich heraus, daß es diesmal eine gelungene moderne Inszenierung war, sogar die Obdachlosen hatten eine Daseinsberechtigung! Die Sänger waren nicht alle herausragend, aber sehr gut - vor allem Don Giovanni und Donna Anna waren absolut gehobene Klasse! Schön war auch, daß der Regisseur die Komik, die in dieser Oper ja auch vorhanden ist und in traditionellen Inszenierungen oft ein wenig "überspielt" wird, mit viel Augenzwinkern herausgearbeitet hatte.
Alles in allem war es ein wunderschöner Abend, an den ich sicher noch lange dankbar zurückdenken werde...

Kurz vor Sonnenuntergang vor der mächtigen Kulisse des Herodes Atticus-Theaters




Moderne Straßenszene vor antikem Hintergrund...inklusive Obdachlosem!
Das Orchester stimmt sich langsam ein
Und über allem thront ein fast voller Mond!
Eine letzte Verbeugung bei begeistertem Applaus - und schon war der Abend leider vorbei!

Mittwoch, 11. Juni 2014

Die großen Gebäude sind gleich den großen Gebirgen ein Werk der Jahrhunderte. Die Zeit ist der Baumeister, das Volk ist der Maurer. - Victor Hugo


Victor Hugo - ein früher Denkmalschützer...
Ja, was soll das denn jetzt, werdet Ihr Euch fragen! Und dennoch will ich heute nicht einfach über meine Eindrücke der Lektüre von Victor Hugos "Notre Dame von Paris" schreiben. Buch und Geschichte sind hinreichend bekannt. Viel eher will ich Euch ganz schnell noch neugierig machen auf die eigentliche "Protagonistin" des Buches, die Kathedrale Notre Dame de Paris, erbaut im Übergang von der Romanik zur Gotik. Nicht umsonst nannte Hugo sein Buch nicht "Der Glöckner von Notre Dame", unter dem es zeitweise im deutschen und englischen Sprachraum erschien, wodurch das Buch nur auf die Geschichte um den entstellten Quasimodo und die schöne Zigeunerin Esmeralda reduziert wurde. Aber das ist im Buch nicht der einzige Handlungsstrang.
Hochinteressant sind die Kapitel und Textstellen über das spätmittelalterliche Paris und über die Kathedrale selbst. Victor Hugo erweist sich hier als beeindruckender Chronist, denn seine Anmerkungen zur Baugeschichte, zu den schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts sichtbaren Zerstörungen, baulichen Veränderungen und nachträglichen Architektursünden am Gebäude sind erstaunlich. Offen und oft beißend ironisch prangert er diese "unzähligen Verunstaltungen aller Art"
an: die Buntglasfenster, die im Zeitalter der Aufklärung durch "die kalten, weißen Scheiben" ersetzt wurden, die zahlreichen Steinfiguren, die an den Türmen und im Chor entfernt wurden, das Vierungstürmchen, das "um 1787 Opfer eines mit Geschmack begabten Architekten geworden [ist], der ihn abtragen ließ", der "schöne gelbe Anstrich, mit dem unsere barbarischen Erzbischöfe ihren Dom geschändet haben" und so fort...
Zusammenfassend schreibt er:" Wenn wir die Muße hätten, mit dem Leser die verschiedenen Spuren der Zerstörung [..] einzeln zu prüfen, so würde es sich zeigen, daß die Zeit den geringsten Anteil daran hat, den schlimmsten Anteil aber die Menschen und besonders die Jünger der Kunst". Welch ein Rundumschlag!
Aber nun das Wichtigste überhaupt: Erst aufgrund Hugos Roman wurde 1845 die erste grundlegende Restaurierung von Notre Dame in Auftrag gegeben. Eben in diesem Sinne war er ein Denkmalschützer der ersten Stunde!
Und das Buch selbst? Noch bleiben mir ein paar Seiten, aber was könnte ich dazu noch sagen? Natürlich ist es ein ganz wundervolles Buch, informativ, unterhaltsam, anrührend und und und. Natürlich sollte man es lesen, natürlich gehört es zur großen Weltliteratur...


Montag, 9. Juni 2014

We are losing the art of reading....

Neulich... las ich einen wirklich tollen Artikel des Guardian über den Verlust der Kunst des Lesens:  http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/jun/08/art-reading-pleasures-content-books?CMP=fb_gu.
Ein Artikel, dem ich voll und ganz zustimme. Die Hauptaussage war für mich, daß die "traditionellen Freuden des Lesens komplexer sind als andere Vergnügungen. Sie erfordern Geduld, Abgeschiedenheit, Kontemplation. Und deshalb sind jene Bücher am meisten gefährdet durch unser Defizit an Aufmerksamkeit und Aufrichtigkeit, die ein wenig Anstrengung benötigen."
Ich stelle auch an mir selbst fest, daß manche Bücher eben genau die Anstrengung, Geduld und Kontemplation von mir fordern, von denen im Artikel die Rede ist. Man hat all dies nicht immer, bzw. immer seltener in der heutigen Zeit.  Ich denke dabei an meine letzte Sommerlektüre von Ulysses: Das war tatsächlich nur möglich, weil ich mir selbst die nötige Zeit, innere Abgeschiedenheit, Beharrlichkeit und Geduld geradezu auferlegt hatte. Und ich denke auch an meine weiterhin verzwickte "Lesebeziehung" zu Saul Bellow, dem ich die nötige Aufmerksamkeit und Ruhe bei manchem seiner Bücher noch nicht wirklich schenken konnte.
Interessant fand ich dazu den Gedanken des Autors, daß er von einem Defizit an "integrity" schreibt. Darüber mußte ich wirklich etwas nachdenken. Aber ist es nicht richtig, daß wir jedem Buch auch ein gewisses Maß an Aufrichtigkeit schulden? Ich verstehe das so, daß wir frei von vorgefertigten Meinungen ein Buch in die Hand nehmen sollten und uns auf das Abenteuer einlassen sollten, wohin auch immer es uns führen mag. Nicht immer wird dann eine "Liebesbeziehung" daraus entstehen, na und? Aber wir waren zumindest so aufrichtig, dem Buch eine Chance zu geben. Eine Mitbloggerin berichtete kürzlich über die Lektüre von Henry James. Sie fand das Buch überaus langweilig und nichtssagend. Aber sie hat sich dem Buch immerhin erstmal aufrichtig genähert, wie ich glaube.
Überspitzt beschreibt der Autor des Artikels unser heutiges Leseverhalten wiefolgt:
"Der angeborene menschliche Wunsch, uns immer etwas schlauer darzustellen als wir sind, verbunden mit dem Überangebot an Auswahl und der kulturellen Bombardierung des digitalen Zeitalters, bedeutet, daß uns zunehmend die Zeit und der Willen fehlen, uns auf etwas einzulassen, das mehr als 140 Buchstaben hat...."
Dies erinnerte mich wieder an Alberto Manguels wunderbares Buch "Eine Geschichte des Lesens", auf das ich schon einmal hingewiesen habe. Manguel beschreibt die Beziehung zwischen Leser und Buch als Interaktion, insofern als "die Bedeutungsspanne eines Textes mit den Bedürfnissen und dem interpretatorischen Geschick des Lesers wächst. Er kann dem Text eine Botschaft entnehmen, die weder zu dem Text selbst noch zu dem Autor in ureigentlicher Beziehung steht. ...Mit Hilfe seiner Ignoranz, seines Glaubens, seiner Intelligenz, mittels List und Tücke und dank seiner Phantasiebegabung schreibt der Leser den Text neu." Demnach ist auch das Lesen eine Kunst, oder nicht!? Wir sollten sie weiter pflegen, digitales Zeitalter hin oder her.
Und welches Buch auch immer wir lesen, wir sollten es mit der oben geforderten Integrität und Ruhe tun.
Der Artikel aus dem Guardian endet denn auch mit der so schönen Erkenntnis:
 "The old "no talking" signs in libraries were there for a reason. 
It's not what we read that matters; it's how."


Sonntag, 8. Juni 2014

Sonntagsgruß mit Katzen...

In meinem vorletzten Sonntagsgruß schrieb ich ja über meine leeren Blumentöpfe, die (noch immer) darauf warten, ausgemistet und mit frischen Hortensien bepflanzt zu werden. Bis es soweit ist,  haben sie eine andere Verwendung gefunden:


Und als ich so meine wuscheligen "Blumentopfwesen" photographierte, dachte ich komischerweise an die farbenfrohen Tierbilder des großen Münchner Malers Franz Marc (1880-1916). Wir alle kennen ja seine berühmten Blauen Pferde, aber Marc malte auch leidenschaftlich Schafe, Kühe, Hunde oder Rehe. In seiner Schrift "Über das Tier in der Kunst" schrieb er im Jahre 1910: "Ich sehe kein glücklicheres Mittel zur Animalisierung der Kunst, wie ich es nennen möchte, als das Tierbild. Darum greife ich danach." Und so waren ihm auch Katzen ein beliebtes Motiv:

Franz Marc, Zwei Katzen blau und gelb, 1912
Franz Marc, Die weiße Katze, 1912
Franz Marc, Mädchen mit Katze II, 1912
Franz Marc, Katze hinter einem Baum, 1910/11
In seinen letzten Lebensjahren vor dem Ersten Weltkrieg (Marc fiel 1916 bei Verdun),  malte er nur noch selten Menschen. Vor allem in der Abgeschiedenheit der bayerischen Provinz beschäftigte er sich verstärkt mit Tiermotiven. Im Jahre 1915 schrieb er noch rückblickend:
 „Der unfromme Mensch, der mich umgab, erregte meine wahren Gefühle nicht, während das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute in mir erklingen ließ."

Einen schönen Pfingstsonntag noch...


(Franz Marc und seine Katzenbilder: Genauer nachzulesen im Ausstellungskatalog der Stiftung Sammlung Ziegler, die 2012 eine Ausstellung zum Thema veranstaltet hatte).


Mittwoch, 4. Juni 2014

Weniger ist mehr. - Ludwig Mies van der Rohe

Bei meinen kürzlichen Arbeiten mußte ich unwillkürlich über den Begriff Minimalismus nachdenken. Wir gebrauchen das Wort ja sehr oft, aber wissen wir eigentlich, was es damit auf sich hat?
Ich denke dabei zuerst an Kunst, Architektur und Design, aber immer wieder begegnet uns das Wort auch in Bezug auf eine einfache Lebensweise.
Sol de Witt, Tower, 1984

In der bildenden Kunst bezeichnet Minimalismus, eigentlich Minimal Art, eine Gegenströmung zur Malerei des Abstrakten Expressionismus im Amerika der 60er Jahre. Kurz gesagt: Es ging um die Reduzierung auf einfache, wiederholbare Formen und Strukturen. Dabei dachten die Künstler vor allem an räumliche Kunst, also nicht mehr so sehr an Malerei. Künstler wie Judd, deWitt oder Andre beeinflussen die Kunst mit ihren räumlichen Skulpturen bis heute.




 

Van der Rohe, Farnsworth House
In der Architektur ist uns der Minimalismus wohl am geläufigsten. Wir denken instinktiv an klare Formensprachen, das Fehlen dekorativer Elemente und reduzierte Farbspektren. Das obige Zitat von Mies van der Rohe ( übrigens eine Zeile aus einem Gedicht von Browning aus dem 19.Jahrhundert) wurde denn auch Programm für die reduzierte Architektur des 20.Jahrhunderts.




Mies van der Rohe, 1927
Im Design entstand eine fließende Grenze zum Funktionalismus. Dahinter stand die Idee, daß allein schon die Funktionalität eines Gegenstandes oder eines Gebäudes deren zeitgemäße Schönheit ausmache. Dekorative Elemente hatten folglich hinter der Funktionalität zurückzutreten.

Soviel zum Minimalismus in den rein künstlerischen Bereichen. Aber was hat es mit dem Minimalismus im Hinblick auf unsere Lebensweise auf sich?



Bezogen auf die Idee vom einfachen Leben ist der Minimalismus als Gegenströmung zum zeitgenössischen, ausufernden Konsumverhalten und der Überbewertung von Geld und Besitz zu verstehen. Und genau dieser Punkt machte mich nachdenklich:
In Zeiten einer wirtschaftlichen Krise ergibt sich Minimalismus von allein, denn man kann dem allgemeinen Konsumverhalten aus Geldmangel nicht mehr folgen. Aber abgesehen davon stelle ich an mir selbst fest, daß ich mit zunehmendem Alter das Gefühl habe, immer weniger zu benötigen. So waren die Umzüge der letzten Jahre für mich eigentlich immer eine Gelegenheit, mich von viel überflüssigem Tand zu trennen. Ganz im Gegenteil beruhigt mich mittlerweile der Gedanke, nur noch das absolut Notwendigste in meiner Wohnung zu haben, und damit die Gewißheit, meine gesamte Habe in kürzester Zeit einpacken zu können.
Nicht, daß ihr jetzt glaubt, bei mir seien leere Wände anzutreffen, nein, soweit ist es noch nicht! Aber generell interessiert mich der eine oder andere nette "Schnickschnack" nicht mehr wirklich. Ich fühle mich absolut wohl in meinen vier Wänden, ich brauche nichts mehr - Bücher und Reisen ausgenommen, da tut mir unser Geldmangel nach wie vor so unendlich weh, weil mir unauslöschliche Eindrücke und Erfahrungen für mein restliches Leben verwehrt bleiben werden!
Wenn ich aber partout eine kleine Veränderung in meinem Ambiente benötige, dann kann ich Gott sei Dank selbst Hand anlegen und die eine oder andere Dekoration selbst basteln, wie z.B. diese minimalistischen Häusergirlanden:







In diesem Sinne: Weniger mag nicht immer mehr sein, aber meistens mehr als genug!



Sonntag, 1. Juni 2014

Als man versuchte, ihn von dem Gerippe loszulösen, das er umarmt hielt, da zerfiel er in Staub. - Victor Hugo

Ein schöner, endlich geruhsamer Sonntag! Und deshalb die beste Gelegenheit für einen kleinen "Blog-Nachschlag"...
Wie schon erwähnt, mühe ich mich die letzten Wochen mit meinem SUB ab. Nichts passt so richtig, kein Buch kann mich zur Zeit fesseln. Vor ein paar Tagen kam dann ein Päckchen mit einem gebrauchten, kulturhistorischen Buch über die "Zeit der Kathedralen", das ich schon länger gesucht hatte. Nun, das erfordert ganz sicher meine ungeteilte Aufmerksamkeit, deshalb erstmal auf den Sommerurlaub verschoben. Und immer, wenn ich so gar nichts mehr unter den ungelesenen Büchern finde, schau ich in meine Bücherregale. Ganz unbewußt, aber wahrscheinlich doch inspiriert durch das Buch über die Kathedralen, griff ich mal wieder nach einem Klassiker: Victor Hugos "Notre Dame von Paris", erschienen im Jahre 1831.
Schon nach dem Lesen der ersten Seite war ich wieder in dieser Welt gefangen. Also habe ich mich nun darauf eingelassen. Ich besitze eine betagte Ausgabe des Insel Verlags aus dem Jahre 1977. Ungefähr um diese Zeit herum habe ich das Buch auch zum ersten Mal gelesen. Ich stand wohl noch unter dem Eindruck meines Schüleraustauschs mit 15 oder 16 Jahren, als ich einen Monat in Paris verbrachte und von dieser Kathedrale so ungemein beeindruckt war, daß ich sie besuchte, wann immer ich konnte. Ich habe damals alles gelesen, was ich in die Finger bekam, das irgendwie mit Mittelalter, Gotik etc. zu tun hatte.
Das Buch hat seine besten Zeiten schon gesehen, vergilbt, fleckig und ziemlich "zerlesen" sieht es aus. Aber es hat diese wunderbaren Illustrationen der französischen Originalausgabe von 1844, die die im Buch beschriebene Welt bildlich vor dem Auge des Lesers auferstehen lassen.





Und noch jemand hat sich beim Photographieren für das Büchlein interessiert:
Klein-Aristidis, der der sprichwörtlichen Neugier der Katzen schon jetzt alle Ehre macht!

So, und jetzt steht die wohlverdiente sonntägliche Siesta an. Ich verkrieche mich also mit der wunderbaren Geschichte über Quasimodo, Esmeralda und Frollo in mein Bett...und wünsche Euch allen noch einen schönen Sonntagnachmittag!

Da will man nun eine liebe Blogger-Kollegin nicht im Stich lassen und den Sonntagsgruß ins Web entsenden, aber dann sucht man die Inspiration an diesem wunderschönen Sonntagmorgen....
Ein Schriftsteller oder professioneller Schreiber würde von einer "Schreibblokade" sprechen, und Marcel Reich-Ranicki prägte dazu das schöne Bonmot:

Manchmal ist eine Schreibblokade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen!

Also will ich meine Leser nicht weiter langweilen heute mit meinem Geschreibsel über nichts. Ich widme allen meinen Mitbloggern einfach das Porträt eines berühmten, schreibenden Mannes, der wohl nur selten inspirationslos blieb:


Hans Holbein d.J., Der schreibende Erasmus von Rotterdam
Der junge Hans Holbein porträtierte den niederländischen Philologen und Philosophen Erasmus von Rotterdam im Jahre 1523 in der Pose des hochkonzentrierten Schriftstellers beim Verfassen seines Kommentars zum Markus-Evangelium. Und, weil in der Kunstgeschichte die Geschichten "hinter" den Bildern oft so interessant sind, will ich euch nicht vorenthalten, daß der junge Holbein eigentlich nur zweite Wahl war für den sehr ehrgeizigen Erasmus. Viel lieber wollte der sich nämlich vom berühmten Zeitgenossen Albrecht Dürer porträtiert sehen. Dürer hatte bereits im Jahre 1520 einige Skizzen von Erasmus angefertigt, aber dann nicht weiter ausgearbeitet. Uns so wartete Erasmus ungeduldig auf Dürers Kupferstich und ließ sich zwischenzeitlich vom jungen Holbein porträtieren.
Als der Stich dann endlich 1526 eintraf, war Erasmus zwar von der Qualität der Arbeit angetan, aber sehr enttäuscht über die fehlende Ähnlichkeit des Porträts mit ihm selbst - naja, sehr schmeichelhaft ist es ja auch wirklich nicht!  Die Inschrift auf der Schrifttafel im Hintergrund lautet: „Bildnis des Erasmus von Rotterdam von Albrecht Dürer nach dem Leben gezeichnet. Seine Schriften geben ein besseres Bild“. Dies sollte den Betrachter darauf hinweisen, daß die Kunst zwar den Körper, nicht aber den Geist darstellen kann, wie es nur durch das geschriebene Wort möglich ist....aber vielleicht war sie ja auch ein wenig ironisch gemeint?! (Nachzulesen bei Oskar Bätschmann, Holbein d.J.).

Seht ihr, da denkt man nun über seine fehlende Inspiration nach, und dann entsteht beim zweiten Tässchen Kaffee daraus doch noch eine kleine Sonntagsgeschichte für euch...