Freitag, 24. August 2012

Monsters exist, but they are too few in numbers to be truly dangerous. More dangerous are…the functionaries ready to believe and act without asking questions. - Primo Levi

Wie in meinem letzten Post angekündigt, wollte ich nochmal auf das Thema des Buches von Styron zurückkommen. Meine Tochter fragte mich neulich, warum ich so an dem Thema Judentum und Vernichtung der Juden interessiert bin. Ich erzählte ihr, daß ich als Abiturientin das Thema Holocaust für meine mündliche Prüfung im Fach Geschichte ausgewählt und deshalb sehr viel darüber gelesen hatte. Inspiriert von der allgemeinen schulischen Pflichtlektüre des Tagebuchs der Anne Frank, wollte ich mehr über diese Zeit wissen. Man darf auch nicht vergessen, daß in Deutschland erst ab den späten 60er Jahren die Auseinandersetzung mit dieser unrühmlichen, deutschen Vergangenheit begann. Und im Gegensatz zu unseren Kindern heute, konnten wir damals noch unsere Eltern und oft auch Großeltern als Zeitzeugen befragen! Die langen und wohltuend ehrlichen Gespräche mit meinem Vater über den 2. Weltkrieg und die Haltung meiner Großeltern sind mir noch heute in dankbarer Erinnerung.
Seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen, überflüssig aufzuzählen, wieviel Bücher ich früher darüber gelesen habe. Und nach wie vor berühren und entsetzen mich Geschichten, Filme und Dokumentationen über diese Zeit, wie eben auch Styrons fiktive Geschichte über "Sophies Entscheidung"....

Durch einen Zufall bin ich kürzlich auf einen deutsch-jüdischen Filmkritiker, Übersetzer und Lyriker gestoßen: Hans Sahl. Ich konnte von seinem Roman "Die Wenigen und die Vielen" nicht lassen, in dem er verschlüsselt die Geschichte seiner eigenen abenteuerlichen Flucht aus dem nazistischen Deutschland nach Amerika beschreibt.
Beim Lesen solcher Bücher frage ich mich dann, wie konnten diese Menschen all das ertragen? Welch unendliche Anmaßung unsererseits, meinerseits, wenn wir uns über die momentane Wirtschaftskrise beklagen! Wie lächerlich ist das im Hinblick auf all diese Menschen, die, wenn sie nicht gleich spurlos in der grauenhaften Tötungsmaschinerie des Dritten Reiches verschwanden, sich im unfreiwilligen Exil ein neues Leben aufbauen mußten.Wieviele sind den Nazis zunächst entkommen und konnten dann doch sich kein neues Leben erfinden?
Wie surreal muß sich so ein Leben angefühlt haben nach dem Erleben des Unvorstellbaren? Wie surreal empfinden auch wir heute all die Genozide weltweit, jegliches sinnlose Abschlachten im Namen irgendeiner verqueren Ideologie, Religion oder Expansionspolitik?
Hochbetagt kehrte Hans Sahl 1989 dann doch noch nach Deutschland zurück.
Wolf Biermann vertonte eines seiner späten Gedichte, das ich Euch nicht vorenthalten kann:

STROPHEN
Ich gehe langsam aus der Welt heraus
in eine Landschaft jenseits aller Ferne, 
und was ich war und bin und was ich bleibe,
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile
in ein bisher noch nicht betretenes Land.

Ich gehe langsam aus der Zeit heraus
in eine Zukunft jenseits aller Sterne,
und was ich war und bin und immer bleiben werde,
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile,
als wär ich nie gewesen oder kaum.
                                                                                     Hans Sahl (1902-1993)




Montag, 13. August 2012

Thou shalt not be a victim, thou shalt not be a perpetrator, but, above all, thou shalt not be a bystander. - Yehuda Bauer

Vor einiger Zeit habe ich schon mal über einen Film mit Meryl Streep geschrieben....Heute erzählte mir meine Tochter, daß einige ihrer Freunde zur Zeit in Israel Urlaub machen. Das erinnerte mich an ein kürzlich gelesenes Buch, das ich während meines letzten Aufenthalts in Deutschland auf einem Bücherbazar gefunden habe: "Sophies Entscheidung" von William Styron. Als eingefleischter Streep-Fan kannte ich den Film aus den 80ger Jahren natürlich, und so fiel mir dieses alte Taschenbuch natürlich ins Auge....
Tja, wie das oft so ist, wenn ein Buch verfilmt wird: wenn man das dem Film zu Grunde liegende Buch bereits gelesen hat, ist man oftmals von der filmischen Adaption enttäuscht. Hat man den Film gesehen und liest erst danach die literarische Vorlage, ist man oft überrascht, wie verkürzt - und oftmals leider am Wesentlichen vorbei - die Handlungsstränge im Film wiedergegeben sind....
Im Fall von "Sophies Entscheidung" war das filmische Ergebnis jedoch ziemlich gut. Styrons Buch entwirft auf (winzigst gedruckten) 570 Seiten eine Geschichte, die in ihrer Komplexität und Fülle von Informationen so weit über den Film hinaus geht, daß ich mich fragen mußte, wie es die Drehbuchschreiber am Ende doch noch geschafft haben, daraus eine so hervorragende Vorlage für den Film zu verfassen....(Generell glaube ich aber, daß sich viele Bücher einfach nicht zur Verfilmung eignen, man sollte es dann lieber beim geschriebenen Wort belassen. Beispiele für unglückliche Verfilmungen von Büchern gibt es zuhauf...)
Styron schreibt über die Polin Sophie und ihren Leidensweg als behütete Tochter eines Universätsprofessors, die die Judenverfolgung in Krakau und die Greuel der Konzentrationslager am eigenen Leib erleben muss, bis sie schließlich nach Amerika flüchten kann. Endlich in Sicherheit, kann sie sich der Erinnerung an die unmenschlichen Greuel jedoch nicht entziehen. Styron beschreibt intensiv, wie Sophie - stellvertretend für viele dieser Flüchtlinge und Überlebenden - nicht mehr in der Lage ist, den Weg zurück in ein "normales" Leben zu finden...Im Buch sowieso, aber auch im Film ist diese Geschichte fast grauenhaft authentisch dargestellt und sicher keine leichte Kost, weder für den Leser noch für den Zuschauer...aber absolut empfehlenswert!!!!
Dies bringt mich auf ein ähnliches Thema und auf einen weiteren, erst kürzlich von mir entdeckten Autor, aber dazu im nächsten Post....