Samstag, 29. April 2017

Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten. - Roger Willemsen

Es gibt Texte, die hauen einen geradezu um und lassen den Leser irgendwie "erschlagen" zurück - im positiven und negativen Sinne.
So erging es mir heute Mittag nach der Lektüre des posthum erschienen Büchleins "Wer wir waren" von Roger Willemsen.
Der Text besteht im Wesentlichen aus den letzen öffentlichen Rede des Autors. Sein nächstes Buch hätte daraus werden sollen, geschafft hat er es leider nicht mehr. Die Herausgeber haben Willemsens Notizen zu dieser Rede im Text mit berücksichtigt, und so hält man einen Text in der Hand, von dem man sich nur vorstellen kann, welch vorzügliches Buch daraus wohl entstanden wäre ...

Diese "Zukunftsrede" beleuchtet unsere heutige Welt und unser Dasein in ihr vom Blickwinkel einer fernen Zukunft aus. Wir sehen also quasi auf uns selbst zurück. Willemsen hält im Wesentlichen (aber nicht nur) ein Plädoyer gegen die fatale Rasanz unserer Zeit:

Unsere Existenzform ist die Rasanz. (...) Alles Großaufnahme, alles äußerste Steigerungsform, und wir dazwischen , die umkämpften Abgekämpften. (...) Wenn es also wahr ist, dass wir atomisiert leben, in kurzen Etappen der Präsenz, getrieben vom Etcetera, in einer impulsiven Kultur, aufgelöst in Zonen der peripheren Wahrnehmung, des dezentralen Blickens, dann wäre es eine Voraussetzung für alle Botschaften von verallgemeinerbarem Gehalt, im Sinne Nietzsches dem Auge die Geduld anzugewöhnen, den Impuls zu korrigieren. Im Zögern unterscheidet sich das Denken von der Arbeit. In der Unschlüssigkeit, der verweilenden, unabgeschlossenen Geste, in der Trägheit sogar tun sich Zustände der Sammlung auf. Dieses nicht effiziente, abirrende, irgendwie ausgesetzte Verhalten zur Welt, eines, dem keine App zu Hilfe eilt, dieses desorientierte, sich selbst überlassene Treiben ist im Kern poetisch, aus der Zeit gefallen und deshalb geeignet, ihre Betrachtung aus der Halbdistanz zu stimulieren. 


Der Text ist manchmal schwierig, wiederholtes Lesen einiger Textstellen war - zumindest für mich - unumgänglich. Am Ende schließt man das Büchlein, bleibt atemlos, gedankenverloren und angerührt zurück und weiß, dass man es auf jeden Fall nochmals lesen muss. So viele Gedanken, die der Autor in diesen kurzen Text gesteckt hat, so viele Denkanstöße, über die man wirklich nachzudenken hat.

Willemsen bescheinigt uns in diesem quasi vorausschauenden Rückblick eine Zeit, in der Mensch, Politik, Umwelt und Gesellschaft in einer desaströsen Abwärtsspirale gefangen sind, "obwohl es diese Zeit geradezu zur moralischen Pflicht erhoben hatte, sich nicht einverstanden zu erklären, Kritik als einen Akt der Besonderung, der Abspaltung, ja der Individuation zu interpretieren." Dass wir zu all dem nicht fähig sind, dass wir Glücksrittern gleich unser Dasein verspielen, ohne an die nachfolgenden Generationen zu denken, lässt den Autor in tiefster Resignation, aber vielleicht auch in aufrüttelnder Anklage zurück:


                                    "Wir lebten als der Mensch, der sich in der Tür umdreht,
                                          noch etwas sagen will, aber nichts mehr zu sagen hat."

 (Hier noch die interessante Rezension von Iris Radisch.)

Donnerstag, 27. April 2017

Freunde sucht man nicht, man findet sie ...


Viele "belächeln" ja soziale Netzwerke wie Facebook und stehen auf dem (zuweilen auch etwas hochmütigen) Standpunkt, dass Freundschaften auf Facebook eben nur "sogenannte" Freundschaften seien, weil sie nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hätten.
Dennoch bietet Facebook vielen Menschen heutzutage eine jederzeit zugängliche Kommunikationsmöglichkeit, und nicht selten lernen sich Menschen kennen, die sich sonst niemals im Leben getroffen hätten ...

Auch ich habe bisher einige Freundschaften auf Facebook knüpfen können, für die ich dankbar bin, die mein Leben immens bereichert haben und die ich nicht mehr missen möchte. Den ersten zaghaften virtuellen Kontakten folgten manchmal reale Kontakte, ein wunderbares Zusammenfinden von "verwandten" Gemütern auch in der wirklichen Welt ...

Und so stand ich heute mit offenem Mund vor einem "Facebook-Überraschungspaket": Eine Facebook-Freundin schickte mir aus meiner Heimat ein sage und schreibe 7 kg schweres Paket - angefüllt mit den wundervollsten Büchern! Man stelle sich das mal vor: Eine kleine "Leihbücherei" unterwegs auf dem Postwege von München nach Athen.
Und zusätzlich noch gespickt mit wunderbaren kleinen Geschenken. Weihnachtsgefühle im Frühjahr! Was will man mehr ... Das Leben kann doch schön sein, trotz aller Widrigkeiten.






Und das Schönste an der Geschichte: Wir werden uns in wenigen Tagen endlich auch "im wirklichen Leben" kennenlernen, wenn diese gute Seele nach Griechenland kommt und einen Zwischenstop in Athen einlegt.
Seien wir also dem virtuellen Leben auch mal dankbar, denn es birgt doch die eine oder andere wunderbare Überraschung.





Donnerstag, 13. April 2017

Καλό Πάσχα - Frohe Ostern ...

Was macht nun ein Ungläubiger mit dem anstehenden Osterfest?  Er erkennt einfach, daß es oft nicht mit wirklichem Glauben zu tun hat. Eher mit Tradition, mit Gewohnheit, mit Brauchtum. 
Lebt man noch dazu in Griechenland, kann man sich dem ganzen Oster-Brimborium auch nicht wirklich entziehen.  In der Karwoche wünscht man jedem, mit dem man redet, notgedrungenermaßen ein frohes Osterfest und die floskelhafte  „frohe Auferstehung“.  Die meisten Freunde und Bekannte fahren in ihre Heimatorte,  gehen in der Osternacht in die Kirche und zünden die obligatorischen Osterkerzen an.  Danach trifft man sich zu Hause, bei Verwandten oder Freunden und isst die traditionelle μαγειρίτσα, eine Suppe aus Gemüse und Eingeweiden.  Am Ostersonntag dann feiert man mit dem obligatorischen gegrillten Lamm. Ein schöner Brauch – nicht mehr und nicht weniger in meinen Augen.
Seltsamerweise habe ich nichts gegen diese Traditionen und Bräuche, wenn man sie denn für sich selbst offen und ehrlich als religiöses Relikt und traditionelle Reminiszenz anerkennen würde. Ich wünschte mir, dass nicht alles so heuchlerisch religiös verbrämt wäre.  Ich respektiere seit jeher diejenigen  Gläubigen, die ihr Leben wirklich ihrem Glauben gewidmet haben. Aber die meisten der an Ostern (oder Weihnachten) plötzlich so gläubigen Menschen rennen doch an den anderen Sonn- und Feiertagen des Jahres auch nicht in die Kirchen. Sie frönen in Wahrheit einem „säkularen“ Glauben – also einem Widerspruch in sich selbst …
Ich selbst bleibe in Ermangelung eines Glaubens gern bei der Vorstellung eines traditionellen Brauches, der gerade hier in Griechenland sehr schön gefeiert wird.

In diesem Sinne wünsche ich allen meinen Freunden an diesem Gründonnerstag Abend Καλό Πάσχα, frohe, geruhsame Ostertage, mit oder ohne Lamm, aber  mit einem augenzwinkernden Zitat …

Samstag, 8. April 2017

Man muß mit den Bildern allein sein. Man muß sich vor den Audiogeräten hüten. Die Bilder sind scheu, sie brauchen Ruhe. - Angelika Overath

Wie meine Blogleser wissen, schreibe ich hier fast nur über die Bücher, die ich nach dem Lesen irgendwie weiter in meinem Herzen tragen werde. Dieses hier gehört nun dazu. Von einer lieben Freundin ausgeliehen, die ganz richtig vermutete, daß es mir besonders gefallen könnte ...
Die fünfzigjährige Anna wird überraschend von ihrem Mann wegen einer Jüngeren verlassen. Ihrem ersten Impuls folgend, begibt sie sich mit spärlichem Handgepäck auf eine Reise ins Unbekannte, die sie nach u.a. nach Schottland, Skandinavien, Amerika, Holland und Paris führen wird. Sie beginnt eine Reise in berühmte Museen dieser Orte und wird dort von jeweils einem Bild "angesprochen" - so erfährt sie Vieles über die in den Bildern abgebildeten Frauen, die von ihrem Leben erzählen, den Gründen, warum sie als Bildmotive ausgewählt wurden und in welcher Beziehung sie zu den jeweiligen Malern standen. All diese Frauen sitzen mit dem Rücken zum Betrachter, aber wundersamerweise drehen sie sich zu Anna um ... Sie begegnet Bildern von Gaugin, Hopper, Segantini, Ingres u.a. .
Anna vertieft sich in diese Bilder, hört den Frauen zu und begreift so auch manches in ihrem eigenen Leben,  Am Ende ihrer Reise in die Kunst und zu sich selbst ist sie eine Andere geworden ...

Die Autorin schreibt eine ruhige, schnörkellose Sprache, die den unaufgeregten Charakter der Protagonistin widerspiegelt. Die Bildbeschreibungen und Bildinterpretationen sind faszinierend, zeugen von der bemerkenswerten Beobachtungsgabe der Autorin und machen beim Lesen tatsächlich Lust auf den nächsten Museumsbesuch. Kleiner Lesetipp: Hilfreich ist auf jeden Fall, die Lektüre des Romans ab und an zu unterbrechen und sich die Bilder im Internet anzusehen, um dem Geschriebenen auch folgen zu können.

Ein ganz kurzer Einschub im Roman, der aus dem Schema der beschriebenen Museumsbilder ausbricht, ist die Konfrontation der Protagonistin mit einem aktuellen Zeitungsbild von vor Lampedusa ertrunkenen Flüchtlingen. Meisterhaft und berührend, wie die Autorin sich diesem schrecklichen Bild auf wenigen Seiten im Roman annähert:

Jetzt sah sie dreizehn Körper nebeneinander aufgereiht gleich hinter der Wasserlinie. Wie eingepackt, oder verpackt.... Und wenn Anna nun blitzartig (entgegen ihrem Verständnis) an Kunst dachte, war das hier doch einfach nur Leben. Oder eben nicht mehr Leben. Ein radikales Ready-Made. ... 
Sie sah die eingehüllten Körper, wie sie so aufgebahrt - aber sie waren ja nicht aufgebahrt! - nebeneinander liegen. Einer längs neben dem anderen, jeder ein wenig verschieden unter seinem sehr weißen Tuch, auf einem weißen, freilich weniger weißen, nassen Sandstrand, vor dem graublauen Saum des Meeres. ... Allein vor Lampedusa sollen bislang 20000 Menschen ertrunken sein. Wiederholt hatte Anna diese Zahl gelesen. Immer war dagestanden "etwa 20000". Nie hatte eine Zeitung geschrieben "etwas 20007". Dabei wäre das genauso richtig oder falsch gewesen. Bei einem Sonderangebot hätte man vielleicht 19999 geschrieben. Die Zahlen in ihrer ungefähren Ungeheuerlichkeit waren bekannt. Wie die Gründe für die Fluchten, die Umstönde der Überfahrten. Normale Skandale im Abendfernsehen, gemütliche Schanden. Warum also sah sie jetzt so genau hin? Warum konnte sie sich nicht von diesen Bildern lösen?
Es waren die Füße.... Füße unter einem zu kurzen Leintuch. ... Bei fast allen jungen Toten kippten, da sie auf dem Rücken lagen, die Füße nach außen, wie Hände, die einen Ball fangen wollten. Da die Öffnungswinkel und die Größe der Füße verschieden waren, hatte ein jeder doch sein eigenes Profil, sein Muster, das in dieser Situation ein Ersatzgesicht war. Der Drittletzte der Reihe hatte die Füße übereinandergelegt, als falte er sie. 
Anna berührte den Bildschirm. Die Paare der Füße waren so klein, daß sie auf ihrer Fingerspitze Platz hatten. Noch vor ein paar Stunden waren diese Füße groß gewesen, zu lebendig für ein Photo. Man hätte sie noch leicht wärmen können. Hier, zieh doch Socken an, hätte man sagen können. Und dann mit warmem Atem pusten und mit den Händen rubbeln. Aber davor freilich hätte man ihnen entgegenschwimmen müssen. Jetzt aber konnte Anna nicht und auch sonst niemand mehr etwas gut machen.

Ein lesenswertes Buch, nicht nur für Kunstfreunde.

Sonntag, 26. Februar 2017

Auf der Welt wimmelt es: Alles ist möglich. - John Cage

Nicht oft kaufe ich mir ein soeben erst erschienenes Buch. Das muß schon ein von mir besonders geschätzter Autor sein und ein besonders interessantes Thema noch dazu. Im Fall von Paul Auster erschien mir das Warten auf die billigere Taschenbuchausgabe definitiv zu lang...

Der Leser taucht in die Geschichte von Archie Ferguson ein, in die Welt der dritten Generation jüdischer Einwanderer in Amerika. Und Auster erzählt von dieser Welt nicht einmal, sondern gleich viermal: Die vier Versionen des Archie Ferguson, nicht linear, sondern parallel erzählt. Jedes Kapitel beinhaltet vier Unterkapitel, den jeweils vier verschiedenen Lebensgeschichten gewidmet.
Allein die Geschichte seiner Vorfahren ist die gemeinsame Konstante. Ausgehend davon enwickelt der Autor vier verschiedene Lebensentwürfe - den äußeren Umständen, aber auch den persönlichen Entscheidungen und nicht zuletzt den von uns nicht beeinflußbaren Zufällen und Unvorhersehbarkeiten geschuldet, diesem uns allen bekannten "General Purer Zufall, dem Kommandeur der Urnen, Särge und sämtlicher Friedhöfe". 
Wir lesen nicht nur vier Geschichten, eng verstrickt mit den historischen Ereignissen der 50er und 60er Jahre, sondern begleiten den äußerst begabten Protagonisten in seiner menschlichen und intellektuellen Reifung - mit unzähligen  Einblicken in Film, Kunst, Literatur und vor allem in das Handwerk des Schriftstellers, denn darin ähneln sich alle vier: in ihrer Liebe zur Literatur und zum Schreiben. 
Die einzelnen Erzählstränge hätten jeweils ein eigenes Buch ergeben können, und ein ungeduldiger Leser könnte getrost auf die Idee kommen, einfach linear zu lesen, indem er sich durch die Kapitel vorblättert. Aber Auster gelingt hier ein meisterhafter Kunstgriff:  Er läßt die vier Erzählstränge in der Romanstruktur parallel ablaufen, verwebt sie aber durch dieselbe Ausgangssituation, denselben Protagonisten in vier Versionen, mit denselben Nebenfiguren und ihre in jeder Geschichte jeweils unterschiedlichen Beziehungen zu ihm. Genau in diesem Spannungsfeld entlädt sich die Eigenheit dieses atemlosen Romans, was dem Leser viel Aufmerksamkeit abverlangt.
Salopp ausgedrückt bekommt man mit diesem Buch vier großartige Prosastücke  zum Preis von einem. Daß man dafür ganze 1200 Seiten im wahrsten Sinne des Wortes "stemmen" muß, sei nur nebenbei bemerkt  und ist bei so einer Thematik und so einem Autor tatsächlich leicht zu verschmerzen  😏.

Ein Leben in vier Versionen erzählen, die zur "Parabel über das menschliche Schicksal und die sich endlos gabelnden Wege" werden. Und so hat der Protagonist das Gefühl, dass "die Gabelungen und Parallelen der eingeschlagenen und nicht eingeschlagenen Wege allesamt zur selben Zeit von denselben Menschen begangen wurden, den sichtbaren und den Schattenmenschen, dass die Welt, wie sie war, allenfalls ein Bruchteil der Welt sein konnte, da das Wirkliche auch aus dem bestand, was sich hätte ereignen können, aber nicht ereignet hatte, und dass ein Weg nicht besser oder schlechter war als ein anderer."

Wer von uns hat sich nicht schon einmal die Frage nach dem "Was wäre gewesen wenn" gestellt? Auster ist diesem Gedanken in seinem Buch nachgegangen, hat daraus vier Versionen eines einzigen Lebens gemacht -  und einen einfach grandiosen Roman geschrieben!
4321 wurde von der Literaturkritik  als "opus magnum" des mittlerweile 70jährigen Autors gepriesen - dem ist nichts hinzuzufügen.
(Dennoch hat so ein Superlativ auch etwas Endgültiges - und ich will nicht hoffen, daß dieses Buch das letzte gute war, das wir von Auster zu lesen bekommen!)  

Samstag, 18. Februar 2017

Athen ist eine süße Stadt. Das Klima ist gut zu den Menschen. Und auch die Menschen, die hier leben, sind zum Glück noch offen für andere und warmherzig. - Nikos Panagiotopoulos

Manchmal berichte ich in meinem Blog ja auch über Griechenland und die aktuelle Situation hier. Heute aber soll es mal kein negativer Beitrag werden, sondern eine kleine Reise "der anderen Art"...
Nach längerer Kälte, eiskalten Winden und grauem Himmel ward uns ein sonniger Samstag beschert mit milden, beinahe schon frühlingshaften Temperaturen. Der ideale Tag, um sich ins Athener Zentrum aufzumachen.
Von meinem Stadtteil im Norden Athens sind es gerade mal 30 Minuten mit dem Zug zum Monastiraki-Platz. Nach den ersten Stationen stieg ein kleiner Zigeunerjunge mit einer Bouzouki zu, an die er einen Plastikbecher geklebt hatte für eventuelle Geldspenden. Mit Todesverachtung legte er los: So falsch und schräg waren sein Spiel und sein Gesang, daß es schon wieder schön war! Und so bekam er doch ein paar Cents von den schmunzelnden Mitreisenden, allein wohl für seine Chuzpe ... Einige Minuten später am Viktoria-Platz lief ein Mann über den Bahnsteig und schmetterte den Reisenden entgegen: "Αφήστε με μόνο μου, είμαι παρέα με τον πόνο μου" - Lasst mich in Ruhe, ich bin in Gesellschaft meines Schmerzes!
Tja, langweilig wird es einem wahrlich nicht, wenn man in Athen mit der U-Bahn fährt....

Angekommen am Monastiraki-Platz, tauchte ich in die Menschenmenge ein, versammelt um eine Tanzgruppe, die traditionelle griechische Tänze aufführte - die installierten Lautsprecher trugen die Musik weit in die umgebenden Straßen hinein. Ungetrübte griechische Lebensfreude trotz all der Widrigkeiten ... und auch der Gedanke, daß dieses bewundernswerte Volk irgendwie doch nie den Mut verliert:


Dann war Einiges für die Werkstatt zu erledigen. Nach der notwendigen Pflicht aber wurde es zusammen mit meiner Freundin vor allem ein Eintauchen in das Athen, das ich seit meinen ersten Besuchen in den frühen 80ern kennen- und lieben gelernt habe. Abseits der großen Einkaufsstraßen und Fußgängerzone, in unmittelbarer Nähe der traditionellen Athener Großmarkthallen, taucht man ein in das "orientalische" Athen, wie ich es immer nenne: Gewürze, Lebensmittel und heimische Erzeugnisse aller Art,  - alles aufbereitet und so schön dargeboten, daß es eine Freude für Auge (und Gaumen) ist:
Aufgefädelte getrocknete Früchte und Gewürze...
Eine wunderbare Idee auch zur Dekoration in der Küche 

Beim berühmten "MIRAN" Wurstwaren aus vielen Ecken der Welt...

Olivenseife zur Fleckentferung und Bimsstein zur Fusspflege ...
Und hier gibt es vieles, was der Selbstversorger zur
Wein- und Ölherstellung so braucht ...
Nicht zu vergessen der traditionsreiche griechische
Bergtee, den fast jeder von uns hier immer im Hause hat ..,
Gelbwurz, Sternanis, Lavendel, Zimt ...
In einer kleinen Seitengasse kauften wir dann ein paar Gewürze und Lebensmittel bei einem arabischen Mini-Markt. Was es da nicht alles zu entdecken gab! Und der arabische Inhaber erklärte uns in gebrochenem Griechisch, aber mit viel Geduld die Besonderheiten der Gewürze und des angebotenen Gemüses ...

So klang dieser Tag im Athener Zentrum langsam aus. Manchmal, wenn ich dann doch mit dem Gedanken spiele, ob es mir in Deutschland angesichts der bestehenden Probleme nicht besser ginge, weiß ich doch insgeheim, daß ich diese Welt hier viel zu sehr vermissen würde. Und dann komme ich zu dem Schluß, daß ich hierbleiben will - egal, was da noch auf uns zukommen mag ...

Allein sie thront in unterschütterlichem Gleichmut über uns - die Akropolis







Samstag, 11. Februar 2017

Die Wahrheit ist hässlich. Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen. - Friedrich Nietzsche

Ein sehr interessantes Buch ist mir da per Post aus Deutschland in den Schoß gefallen: Der österreichische Autor Michael Köhlmeier und der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann haben sich gemeinsam auf die Spuren lebensbestimmender Begriffe gemacht. Der Autor erzählt einige antike Mythen, christliche Legenden und Märchen nach. Der Philosoph erklärt und interpretiert dann diese Geschichten. Die Geschichten behandeln zwölf der wesentlichen Grundfragen unseres Daseins: Gewalt, Rache, Lust, Ich, Arbeit, Schönheit, Neugier, Geheimnis, Grenze, Schicksal, Meisterschaft, Macht.

Dieses Buch ist dabei ein willkommener Fundus für alte, dem Einen oder Anderen von uns längst "abhanden" gekommene Geschichten. So begegnen wir u.a. Dädalus, Pallas Athene, Atreus, dem heiligen Ägidius, Luzifer, Hiob und Asklepios. Daß diese Nacherzählungen vom rein literarischen Standpunkt aus leider etwas trocken anmuten, ist nur ein klitzekleiner Kritikpunkt meinerseits. Im Grunde sind sie ja auch nur der Ausgangspunkt für die anschließenden, wirklich hochinteresssanten philosophischen Gedankengänge und Interpretationen, die dem Leser viel Stoff zum Nachdenken bieten und uns vor allem klar machen, wie aktuell und bedenkenswert all diese Geschichten auch in unserer Gegenwart noch immer sind.
Eine überaus interessante Lektüre.
Meinem lieben Freund aus Jugendzeiten sei nochmals gedankt für dieses schöne Geschenk!





Montag, 6. Februar 2017

Die Wunderwelt des Internet....

Ein verspätetes Weihnachtsgeschenk, das letztens per griechischer Schneckenpost ankam... von einem meiner allerliebsten Freunde aus Jugendzeiten, den ich über die vergangenen Jahre in den Stürmen des Lebens "verloren" hatte. Irgendwie fand er mich auf ganz wundersame Weise wieder (da sag mal wieder einer was gegen das Internet ;) ) .

Und nun dieses ganz wunderbare Geschenk, bewußt für mich ausgesucht und begleitet von 2 wunderbaren CDs von Rachmaninov, Brahms und Smetana.... Es sind dies Aufnahmen des Orchesters der deutschen Kinderärzte. Beeindruckend. (Da muss ich einfach auch mal für Musik Werbung machen!)



Wie kommt es, daß sich ein alter Freund nach etwas mehr als 40 Jahren so in mich hineinversetzen kann!? Da kann man nur noch dem Leben - und natürlich meinem Freund - dankbar sein. Das Büchlein ist bereits in "Angriff" genommen. Ich werde beizeiten meine Eindrücke hier berichten.




Dienstag, 31. Januar 2017

Aus dem Buch der Unruhe ...

Alles auf der Tafel von einem Tag zum anderen auslöschen, neu sein mit jedem 
anbrechenden Morgen, in einem ständigen Wiederaufleben unserer emotionalen 
Jungfräulichkeit, das, allein das lohnt die Mühe, zu sein oder zu haben, um zu sein 
oder zu haben, was wir auf unvollkommene Weise sind.
(Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe)


Das neue Jahr ist noch ganz frisch, und kaum, dass man es bemerkt, ist schon wieder ein Monat iins Land gegangen. Viel zu wenig schreibe ich seit einiger Zeit in meinem Blog. Viel zu wenig über unser Leben hier in Griechenland, viel zu wenig über all die Bücher, die ich nach wie vor lese.

Manchmal beschäftigen uns jedoch die Dinge um uns herum viel zu sehr, als daß man die nötige Ruhe findet, seine Gedanken in Worte zu fassen. 

Ich "blättere" zurück, lese die wenigen Beiträge des vergangenen Jahres hier und stelle fest, daß sich nicht viel geändert hat. Nicht in meinem Dasein, nicht in der Welt um mich herum. Was mein Leben anbetrifft, greift der schöne Satz "no news are good news". Froh sein, daß es nicht noch schlimmer gekommen ist bisher. Froh sein, daß es meinen Liebsten gut geht. Froh sein, daß man weiterleben durfte. Froh sein, daß man das vergangene Jahr recht und schlecht überstanden hat. Viel mehr zu erhoffen - auch für dieses Jahr - wäre vermessen.

Politik und Gesellschaft haben sich nicht zum Besseren gewandelt. Eher im Gegenteil. In Griechenland herrscht die Krise nach wie vor, bessere Tage sind nicht in Sicht. Amerika hat sich einen Trump als Präsidenten erwählt. Deutschland stellt sich auf den Wahlkampf ein und schert sich dabei einen Dreck um die Menschen im Süden von Europa. Menschen aus entfernteren Ländern flüchten weiterhin vor Hunger, vor Krieg, vor Aussichtslosigkeit. Und die westliche Welt schottet sich mehr und mehr ab. Zäune werden hochgezogen, bedenkliches Gedankengut, schreckliches Vokabular steigt wieder aus längst überwunden geglaubten Tiefen empor. Die Welt scheint aus den Fugen und läßt nichts Gutes erwarten.

Ist es da ein Wunder, wenn ich die Worte von Fernando Pessoa lese und mir auch manchmal wünsche, jeder neue Tag könnte ein neuer Beginn sein? Alles zurück auf Null setzen und von vorne beginnen können ... 
Sein zu dürfen, "was wir auf unvollkommene Weise sind" - jeden Tag aufs Neue. Doch nicht einmal das ist uns erlaubt. Zu sehr werden wir in den Sog der Welt um uns herum hineingezogen. Ein täglicher Neubeginn ist uns allen nicht vergönnt im Leben ...



Samstag, 24. Dezember 2016

Noch einmal ein Weihnachtsfest ...



Allen hier wünsche ich besinnliche Tage kurz vor Ende dieses so traurigen und schwierigen Jahres.....

FROHE WEIHNACHTEN - KΑΛΑ ΧΡΙΣΤΟΥΓΕΝΝΑ

Mittwoch, 9. November 2016

I do not vote with my vagina ...

„Die Message, die bei jungen Frauen in Deutschland und im Rest der Welt ankommt: Es kommt nicht darauf an, wie qualifiziert du bist, selbst wenn du so auf einen Job vorbereitet bist wie niemand zuvor. Am Ende gewinnt ein Mann, selbst wenn dieser unqualifiziert ist, uninformiert und von zweifelhafter mentaler Verfassung.“


So lautete ein heutiger Kommentar einer Website zur Wahl von Donald Trump. Und er machte mich stutzig: Melden sich jetzt doch all jene Frauen zu Wort, die meinen, allein das „Frausein“ hätte eine Hillary Clinton als bessere Kandidatin qualifiziert – so nach dem Motto: es ist an der Zeit, daß auch eine Frau in Amerika Präsidentin werden kann!
Diesem Argument stimme ich in der Sache zu, aber nur unter einer Prämisse: Wenn diese Frau auch wirklich die geeignetere Person ist! (Wobei ich jetzt hier politisch nicht abwägen kann oder will, wer in diesem konkreten Fall geeigneter gewesen wäre, denn das ist wiederum ein ganz anderes Thema.)
Aber wenn jetzt wieder die altbekannte Feminismus-Keule herausgeholt wird, beschäftigt mich doch Folgendes:
Schon mein Leben lang begleitet mich dieser irrgeleitete Pseudo-Feminismus, der allein meinem zufälligen Dasein als Frau in der heutigen Gesellschaft eine absolute Gleichstellung mit dem Mann zuerkannt haben will. Eine Gleichstellung, die ohne Frage in vielen Bereichen vonnöten ist, die von bewundernswerten Frauen hart erkämpft wurde, aber auch in den westlichen Gesellschaften bis heute noch nicht vollständig vollzogen ist ...
Dennoch hatte ich persönlich seit jeher etwas gegen dieses Label „Feministin“. Ich habe mich nie als solche gesehen – und bin trotzdem vielleicht mehr als viele von ihnen den Männern gleichgestellt. Ich habe mich immer als den Männern gleichwertig empfunden. Ich brauche so ein fragwürdiges Label nicht. Was ich in meinem Leben erreicht oder nicht erreicht habe, ist ausschließlich meinen eigenen Fähigkeiten oder Unfähigkeiten geschuldet. Und so war ich immer unbewußt der Überzeugung, mich von einem falsch verstandenen Feminismus „emanzipieren“ zu müssen. Denn genau dieser falsch verstandene Feminismus macht mich wütend. Wenn er sich heute wieder im Zusammenhang mit Hillary Clinton auftut, bedeutet er in letzter Konsequenz doch nur eines: eine Abwertung meiner Person! Denn nicht die Tatsache, daß ich etwas besser kann, soll mir demnach die besten Möglichkeiten eröffnen, sondern die Tatsache, daß ich eine Frau bin ...
Die Schauspielerin Susan Sarandon sagte vor ein paar Tagen zu diesem Thema den guten Satz: „I do not vote with my vagina! I want the right woman.“
Wenn wir also über die Gleichberechtigung von uns Frauen sprechen wollen, sollte man über diese beiden Sätze nachdenken … 

Samstag, 5. November 2016

Aufschwung in Griechenland - so sieht er aus!

Ein sonniger Samstagvormittag, der mal wieder einlud zum Flanieren durch das Geschäftszentrum meines Athener Stadtteils. Ich liebe dieses ziellose Streunen durch die Straßen und Gassen, in der kleinen Fußgängerzone tummeln sich Straßenmusikanten, man kann in den zahlreichen Straßencafés vielleicht einen Capuccino trinken oder sich ab und zu auf eine der zahlreichen Bänke setzen und das Treiben um sich herum beobachten.

Ziel dieses Flanierens ist eigentlich, einmal nicht an all das Negative zu denken, was uns in Griechenland so beschäftigt. Aber dieses „Nichtdenken“  funktioniert nicht, sieht man doch die vielen geschlossenen Geschäfte um sich herum. Die Geschäftsleute unseres Stadtteils darben nicht erst seit der Krise, auch vorher schon mussten etliche schließen, war doch in unmittelbarer Nähe ein riesiges Einkaufszentrum entstanden, das vielen kleinen Läden in Null Komma Nichts den Garaus machte. Die anschließende Krise ist nun das i-Tüpfelchen auf diesem Drama.  Jetzt, im Zuge der anhaltenden Rezession, schließen noch immer jeden Tag Geschäfte. In der Hauptgeschäftsstraße zählte ich allein auf 150 Metern 9 oder 10 leer stehende Läden. 

In den Seitengassen und der anschließenden kleinen Fußgängerzone hörte ich irgendwann bei 30 auf zu zählen. Wozu auch!? Wir wissen ja auch so, dass es viel zu viele sind. Und jedes dieser geschlossenen Geschäfte erzählt seine eigene Geschichte, sein individuelles Drama. Was mag aus diesen Menschen geworden sein? Wovon leben sie heute? Wieviel Schulden müssen sie abbezahlen? Wieviel Angestellte mussten sie entlassen? Welche Lebensträume sind da den Bach runtergegangen? 
Heute stand ich überrascht vor zwei Läden, die ich besonders mochte. Vor ein paar Wochen gab es sie noch. Man sah durchaus Kunden in diesen Läden, man hatte auf den ersten Blick nie den Eindruck, die Geschäfte würden sehr schlecht gehen – ein Trugschluss, wie ich so oft in den letzten Jahren dieser Krise feststellen musste! Nichts ist mehr so wie es scheint. Und natürlich hat kein Außenstehender Einblick hinter die lächelnde Fassade. In einem der beiden Läden (ein wunderschöner Geschenkeladen mit ausgesuchtem heimischen Kunsthandwerk aller Art) lagen noch Regale am Boden verstreut, etwas Restware stand achtlos noch in offenen Kisten herum. Es kann wohl erst ein paar Tage her sein, dass hier der endgültige Schlussstrich gezogen wurde . „Zu vermieten“ stand da in schreienden Lettern an der Tür …


All dies sind Gedanken, die den Ablenkung  suchenden Flaneur dann derart beschäftigen, dass so ein Spaziergang am Ende doch wieder Traurigkeit und Nachdenklichkeit erzeugt. Denn nichts wird für uns hier je wieder so werden wie es vorher war. Geschäfte schließen, eröffnen neu, schließen, eröffnen wieder neu etc. Ein Teufelskreis, der einen Rattenschwanz an verschuldeten Menschen zurücklässt und das eigentliche Problem, den fehlenden Aufschwung, natürlich nicht lösen kann, denn dazu bräuchte es erstmal wieder eine kaufkräftige Kundschaft, die nicht nur selbst Arbeit hat, sondern auch eine menschenwürdige Bezahlung für diese Arbeit erhält, um mit diesem Geld die Wirtschaft wieder ankurbeln zu können! 

Die griechische Regierung und die EU-Partner beschwören indessen, dass der Aufschwung bereits da ist ... seltsam nur, daß wir ihn so gar nicht sehen können. 



Montag, 24. Oktober 2016

Es gibt Fragen, aber keine Antworten. Man müßte wie die Tiere sein. Bei ihnen ist es umgekehrt. Der Instinkt gibt ihnen Antworten. Fragen brauchen sie nicht. - Simona Vinci

Es gibt manchmal ganz wunderbare Bücher, die einem rein zufällig über den Weg laufen - wie dieser Roman der italienischen Schriftstellerin und Übersetzerin Simona Vinci.
Auf einem Bücherbasar sprang mir das Buch aufgrund seines Themas ins Auge: Die 40er Jahre in Italien, der Faschismus ist allgegenwärtig. Der 11-jährige Pietro muss zurechtkommen mit einer seltsam "entrückten" Mutter, mit dem unerklärlichen Tod seiner Kindheitsgefährtin Irina und einem längeren Aufenthalt in einem strengen katholischen Internat. Als er von dort zurück nach Hause kehrt, macht er sich auf die Suche nach den Gründen für den Tod Irinas. Als er ihr Tagebuch findet, eröffnet sich ihm ganz langsam die Tragik seiner Familie - und vor allem seiner Mutter Tea, die ihre innere Einsamkeit mit Heroin und Alkohl zu betäuben versucht.

 Die Spannung baut sich mehr und mehr auf, gemeinsam mit Pietro will der Leser hinter die Familiengeheimnisse kommen. Aber es ist auch ein Buch über das langsame Erwachsenwerden inmitten von Krieg und Widerstand. Erzählt wird im ersten Teil aus Sicht von Pietro, im zweiten Teil aus der Sicht der Mutter. Und so fügen sich langsam auch für den Leser die Puzzleteile zusammen.

Was das Buch lesenswert macht, sind nicht nur das Thema und die Zeit, sondern vor allem die unaufgeregte, präzise, aber eben auch wunderbar poetische Sprache der Autorin.



Freitag, 21. Oktober 2016

Zungenfertigkeit ...






Heute stieß ich durch Zufall auf das Zitat von Shaw. Dies brachte mich zum Nachdenken über so Vieles, was wir z.B. auf Facebook zu vereinzelten politischen Äußerungen lesen können. Da schimpfen wir, da entrüsten wir uns, da sezieren wir jeden Satz und jede Wortvergewaltigung unserer unsäglichen Politdarsteller, quer durch alle Parteien.

Aber wir sollten dabei nie vergessen, dass all das, was diese Leute so von sich geben, wohl überlegt, rhetorisch eiskalt kalkuliert und - vor allem - vorher genau abgesprochen ist. Gerade während Wahlkämpfen sehen wir das parteiübergreifend. Die meisten Wahlversprechen erweisen sich im Nachhinein als Wahlversprecher. Wir erleben es gerade in Amerika, und auch in Deutschland hat der Wahlkampf aufgrund der Flüchtlingsdebatte schon längst begonnen. Was hat es also für einen Sinn, sich auf einzelne politische Äußerungen zu stürzen, sie im Internet zu zerpflücken und unendlich zu teilen? Indem wir dies tun, messen wir diesen sprachlichen Auswürfen nicht viel zu viel Bedeutung bei? Und gehen wir damit vielleicht genau in die Fallen, die unsere Politdarsteller uns Bürgern bewußt stellen? 
Denn jenseits dieser rhetorischen Brocken, die uns da hingeworfen werden, findet die große Politik statt - ohne Rücksicht auf Verluste.

Montag, 13. Juni 2016

Changes ... cambiamenti ... Veränderungen ... αλλαγές ....



Gestern las ich einen interessanten Artikel hier über die diffusen und irrationalen Ängste, die den Bürger der heutigen Gesellschaft umtreiben. Der Autor legte dar, wie die Politik schon seit jeher mit diesen diffusen Ängsten der Menschen spielte und sie für ihre Zwecke instrumentalisierte. Nichts anderes erleben wir auch heute wieder. Nicht nur in meinem Heimatland Deutschland scheint man an einem Punkt angelangt zu sein, wo eine überwiegend saturierte Gesellschaft sich von allen Seiten bedroht sieht und sich nicht mit dem Gedanken abfinden will, daß unsere Gesellschaften schon immer einer beständigen Entwicklung ausgesetzt waren. Dabei gibt es durchaus konstruktiven Aufstand, aber auch vor allem destruktiven und  demoralisierenden Widerstand.  Und dann frage ich mich immer: Wo wären wir, wenn wir diese beständige Veränderung nicht leben würden? Es gibt derer gute und schlechte, aber sie bleiben am Ende doch Veränderungen, die zu unserem Dasein einfach dazugehören. Wer, egal welcher politischer Couleur, vermag uns heute denn wirklich mit Sicherheit zu sagen, wie diese Veränderungen sich auf lange Sicht darstellen werden? Das werden erst die historischen Zeitläufte zeigen.
Aber die von außen geschürten Ängste vor diesen Veränderungen, vor gar apokalyptischen Zuständen und die aktuelle Suche nach schwächeren Sündenböcken (wie momentan z.B. die Flüchtlinge), denen wir die unbequemen Seiten dieser Veränderungen anlasten können, bringen uns nicht weiter.
Wer hat mir jemals einen Rosengarten oder ein Leben ohne Aufreibungen versprochen?  Wieso soll ich mich von extern geschürten Ängsten bestimmen lassen? Reichen mir meine (vielfältigen) eigenen Dämonen denn nicht schon? Wieso sollen andere Menschen für mein Leben verantwortlich sein? Kein Staat und keine Regierung der Welt können mir doch am Ende einen Wohlfühl-Status Quo garantieren. Kein Staat sollte mich vordergründig von der Verantwortung für mein eigenes Leben befreien. Ein zufriedenes, selbstreflektierendes und selbstbestimmtes Leben kann nur aus mir selbst entstehen.
Vielleicht ist dies etwas, was ich aus dem stetig am wirtschaftlichen Abgrund lavierenden Leben in einem so krisengeschüttelten Land wie Griechenland gelernt habe. Vielleicht verstehe ich deshalb oft diese momentanen diffusen Ängste meiner deutschen Landsleute nicht, empfinde sie manchmal geradezu als obszön – im wörtlichen Sinne des Wortes von „unanständig“ und „schamlos“. Und wenn schon nicht in diesem sehr speziellen Sinne, so doch auf jeden Fall als surreal und unreflektiert.

Sollten wir nicht angesichts der vielfältigen brennenden Probleme ein gewisses Maß an KONSTRUKTIVER Gelassenheit an den Tag legen, um neue Wege für uns alle und die kommenden Generationen zu finden?

Donnerstag, 2. Juni 2016

Wie das Leben so spielt ...

Neulich erst schrieb ich auf Bitten eines Facebook-Freundes ein paar Worte über mein momentanes Dasein als Selbständige hier in Griechenland. Wie das dann so geht ... eine Freundin schickte meinen Bericht ihrer Freundin, diese empfahl, meinen Text an eine Redaktion in Stuttgart weiterzuschicken ... etc.

Wie das Leben manchmal so spielt. Vor ein paar Tagen rief mich dann eine Redakteurin aus Stuttgart an und wollte mehr über mich erfahren. Und so fand ich heute meinen Blogbeitrag von neulich in der online-Version des Kontaktmagazins in Stuttgart. Das hat mich unendlich gefreut ...

http://www.kontextwochenzeitung.de/debatte/270/arbeiten-im-teufelskreis-3662.html


Dass meine so "privaten" Kommentare hier auf meinem Blog es mal in eine Zeitung schaffen werden, hätte ich mir im Leben nicht träumen lassen ... Ein herzliches Dankeschön an meine Freundin auf Lesbos, die dies so tatkräftig unterstützt hat!

Samstag, 28. Mai 2016

"Mauerblümchen" ...

Ein wunderschöner Tag in der Altstadt von Athen liegt hinter mir. Dieser kleine Bücherstand fiel mir auf, aufgebaut vor einem baufälligen Häuschen inmitten der kleinen Gassen unterhalb der Akropolis. Wie schön und irgendwie auch ermutigend, wenn die Kultur doch immer noch ein verstecktes Plätzchen findet, gerade in diesen schwierigen Zeiten, fast so wie kleine Blumen, die sich ihren Weg durch Mauerbrüche suchen ...  Und vor dem Hintergrund, dass erst vor ein paar Tagen eine der größten Buchhandlungen im Athener Zentrum der Krise nicht mehr standhalten konnte und ihre Toren schließen musste.





Mittwoch, 25. Mai 2016

Kreativität ist funktionales Chaos im Kopf. - Aba Assa

In all den Wirren unserer Zeit, in all den überfallartigen Neuigkeiten in den Zeitungen, in all dem täglichen Überlebenskampf fällt es mir oft so schwer, mich noch auf das zu besinnen, das mir an meiner Arbeit Freude macht ...

In den letzten Monaten fehlt so oft die physische und auch die kreative Kraft, mit der ich ganz prosaisch auch mein täglich Brot verdienen muss. Kunden verlangen immer häufiger fast Unmögliches; da kein Geld vorhanden ist, will man für das Wenige, das man noch ausgeben kann, das Bestmögliche bekommen. Manche verlangen schlichtweg Unmögliches. Ideen und ihre praktische Ausführung müssen her, immer schneller, immer besser, immer billiger. Ein Kunde war heute ziemlich ungehalten, weil eine bestellte Schachtel noch nicht fertig war - eine absolute Sonderherstellung, kompliziert, verzwickt, zeitaufwendig, bei der man sich zudem keinen Fehler erlauben darf, weil das Material knapp und sehr teuer ist. Wie soll man dem Kunden plausibel machen, daß man für so einen Auftrag die nötige kreative und handwerkliche Ruhe braucht? Was früher als Kunsthandwerk dankbar gewürdigt wurde, ist heute nur noch Allerweltsware... Nach so einem Arbeitstag fühle ich mich dann ausgepresst wie eine Zitrone. 
Nur noch sehr selten, am späten Nachmittag, am frühen Abend oder am Wochenende habe ich noch Lust, kleinere neue Ideen auszuprobieren. Seit vielen Wochen spukt jedoch die Vorstellung von größeren Objekten in meinem Kopf herum, die Vorstellung von luftigen Kleiderskulpturen,  inspiriert von Künstlern, die Papier als Werkstoff für wunderbare Kreationen entdeckt haben:




Mal sehen, wann ich Zeit und Muße finden werde, all dies auszuprobieren und zu verwirklichen. Die fertigen Bilder im Kopf existieren bereits, eine entsprechende Schneiderpuppe als Form steht seit Wochen schon in meiner Werkstatt. Die praktische Umsetzung allerdings verlangt innere Ruhe und auch unbeschwerte Zeit, die ich momentan irgendwie nicht in mir selbst finden kann angesichts der brennenden Probleme um mich herum ...

Und wenn ich gar mich selbst der Welt "entziehen" will, dann lese ich - allein dies hat mir die Krise noch nicht genommen! 

Dienstag, 10. Mai 2016

Griechenland - im freien Fall ...

Ein Facebook-Freund bat mich neulich, ob ich nicht ein paar Worte aus meiner Sicht zum Leben als Selbständige hier in Griechenland schreiben könnte. Aber wie könnte man die heutige Lage der kleinen und mittelständischen Unternehmer in diesem Land am besten beschreiben? Ich kann nur von meiner kleinen Manufaktur ausgehen und es versuchen:
Es gibt meine Buchbinderwerkstatt nun seit genau 20 Jahren. Noch bis vor einigen Jahren beschäftigten wir sechs Angestellte und exportierten einen Teil unserer Produktion nach Zypern, Deutschland und Österreich. Unser kleiner Betrieb war keine Goldgrube, aber wir waren zufriedene "Mittelständler" mit den normalen Hochs und Tiefs, die so ein kleiner Betrieb eben über die Jahre erlebt.
Dann kam der Euro, und langsam verringerten sich unsere Exporte - unsere Produkte wurden zu teuer. 2008 brach die weltweite Finanzkrise aus, die politische und wirtschaftliche Lage in Griechenland spitzte sich rasant zu. Schon bald konnten sich viele meiner Kunden unsere aufwendig hergestellten Produkte nicht mehr leisten und kauften lieber Billigware aus China. Der Umsatz verringerte sich noch mehr. Wir mussten mit der Zeit einen Mitarbeiter nach dem anderen entlassen. Mein Berufsstand dünnte sich zunehmend aus, eine alteingesessene Buchbinderei nach der anderen hier in Athen musste aufgeben. Was als fernes Donnergrollen begann, wuchs sich zu einem Sturm aus, der uns mitreissen sollte.
Regierungen gaben sich die Klinke in die Hand. Ein schon 2012 notwendiger Schuldenschnitt wurde von den Gläubigern verweigert. Stattdessen wurden Memoranden unterschrieben. Die vielbeschworene "Griechenlandrettung" wurde zu 95% eine Rettung der Banken. Die aufgezwungenen Sparmaßnahmen legten die Kaufkraft der Menschen und die Wirtschaft lahm. Konkurse, Entlassungen, Massenarbeitslosigkeit, wiederholte Renten- und Lohnkürzungen bei gleichzeitigen Steuererhöhungen ohne Ende - der ganze Irrsinn, der ganz aktuell noch immer weitergeht. Das griechische Volk verarmte zusehends, vor allem das Unternehmertum, ehemals die treibende Kraft der griechischen Wirtschaft, wird fast systematisch ausgehungert. Der versprochene Aufschwung? Fehlanzeige. Natürlich. Aber all dies ist "große" Politik mit weitverzweigten Interessen, vom einfachen Bürger kaum noch nachvollziehbar.

Was bedeutet es in der Praxis für mich und viele andere kleine und mittelständische Betriebe?
Höhere Abgaben, überhöhte Mehrwertsteuer, in Kürze sogar 100%ige Steuervorauszahlung. Bei der gleichbleibenden schlechten Auftragslage arbeiten wir wortwörtlich nur für das tägliche Überleben. Laufende Kosten, Umsatzsteuer, überteuerte Krankenversicherung und Arbeitgeberabgaben - all dies sind Beträge, die sich nicht jeden Monat so einfach erwirtschaften lassen. Die neu eingeführte Einkommensteuervorauszahlung für Selbständige wird bei vielen von uns wohl nur schon bestehende Schulden erhöhen oder aber zum endgültigen Sargnagel werden. Im ersten Quartal 2016 schlossen bereits 78% mehr Unternehmen als im gleichen Vorjahreszeitraum!
Natürlich gibt es gleichzeitig auch Startups: Viele Arbeitslose nehmen staatliche Hilfen zur Unternehmungsgründung in Anspruch, leihen sich Geld oder investieren ihren letzten Pfennig. Sie eröffnen kleine Unternehmen in der Hoffnung, davon leben zu können - mit meist ungutem Ausgang angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage. Und so sind auch sie dann oft nur weitere Kleinunternehmer, die nach kurzer Zeit mit Schulden auf dem Buckel dastehen.

Der Staat bzw. die Gläubiger versprechen sich von all den harten Sparmaßnahmen mehr Einnahmen. Aber wie kann ich meinen Verpflichtungen denn noch nachkommen? Um überhaupt noch auf dem Markt bestehen zu können, bin ich gezwungen, fast nur noch "maßgeschneiderte" Einzelanfertigungen zu deutlich gesenkten Preisen herzustellen - bei steigenden Materialkosten und unverhältnismäßig hohem Arbeitsaufwand. Und so bleibt - im besten Fall - am Ende eines Monats kein Cent übrig. Umsatzsteuer, Einkommensteuer, Renten- und Krankenversicherung und Arbeitgeberbeiträge? Ein ewiger Kampf gegen Windmühlen! Heute hörte ich im Radio, daß nach den erst vorgestern beschlossenen weiteren Maßnahmen die griechischen Unternehmer 65 % ihres Einkommens an Steuern und Abgaben zu leisten haben werden!

Manchmal denke ich mir dann: Eine merkliche Absenkung der Mehrwertsteuer würde die Preise senken, die Kaufkraft der Kunden erhöhen, damit die Wirtschaft wieder etwas ankurbeln und nebenbei auch den um sich greifenden "Schwarzmarkt" verringern. Eine merkliche Senkung der Steuern und Beiträge würde dem Staat sicher zuverlässigere Steuereinnahmen bringen als es momentan der Fall ist. Uns Unternehmern würden diese Senkungen etwas Luft zum Atmen geben, unsere Umsätze veilleicht etwas verbessern, keine weiteren Schulden generieren und vielleicht nötige Investitionen oder sogar die so dringende Schaffung von Arbeitsplätzen ermöglichen.
Zu einfach gedacht, werden jetzt viele sagen. Stimmt, aber ich bin kein Ökonom und kann nur von meiner kleinen Manufaktur mit ihren Nöten ausgehen ...
Daß viele der aufgezwungenen Reformen notwendig und oft auch richtig waren, bestreitet hier in Griechenland niemand. Aber Reformen müssen so klug und mit Bedacht durchgeführt werden, daß sie die Wirtschaft eines Landes nicht vollkommen lahmlegen und die Menschen nicht in die Verarmung treiben. Harte Sparmaßnahmen bedeuten nicht gleichzeitig zukunftsträchtige Reformen, die die Wirtschaft ankurbeln und damit einen Abbau der Verschuldung des Einzelnen und des Staates ermöglichen würden!

Freunde in Deutschland fragen mich dann oft ganz naiv und besserwisserisch: Warum schließt Du nicht, wenn Dein Betrieb keinen Gewinn mehr abwirft und Du auf die Dauer Schulden anhäufst?
Ganz einfach, ich KANN es nicht. Erstens gibt es in Griechenland keine Sozialhilfe, wovon sollte ich also bitte leben? Zweitens würde ich keine Arbeit mehr finden - bei einer Arbeitslosenquote von 24% (4,2% in Deutschland) und aufgrund meines Alters natürlich. Viele Kleinbetriebe müssen also trotz Schulden und einbrechender Umsätze weitermachen. Viele dieser Menschen haben Familien und können ihre Betriebe nicht einfach schließen, wovon sollten sie ihre Kinder denn ernähren? Viele haben inzwischen arbeitslose Familienmitglieder, die sie irgendwie unterstützen müssen und, und, und ... Es gibt so viele verschiedene traurige Szenarien allein in meinem eigenen beruflichen Bekanntenkreis.

So ist diese Krise mitsamt ihren politischen Irrwegen für viele Kleinbetriebe in Griechenland zum Teufelskreis geworden: Diejenigen, die am Ende doch aufgeben müssen, weil sie selbst die eigenen Lebenshaltungskosten nicht mehr erwirtschaften können, haben im besten Fall das soziale Auffangnetz der Familie, um nicht sofort auf der Straße zu landen. Diejenigen, die "irgendwie" weitermachen, wissen, dass sie bei weiterhin anhaltender Krise aus der Schuldenfalle vielleicht nie mehr herauskommen werden.

Das Leben als Kleinunternehmer im Griechenland von Heute bedeutet also nicht selten, die Zukunftsgedanken so gut es geht auszublenden. Krank werden? Bitte bloß nicht! Rente? Woher und wieviel am Ende? Hoffnung auf bessere Zeiten? Wohl kaum, angesichts der wirtschaftlichen Lage und der europäischen politischen Ränkespiele.
Wie lebt es sich angesichts dieser Rat- und Auswegslosigkeit? Ich persönlich versuche verzweifelt, den Kopf hoch zu halten, mich jeden einzelnen Tag irgendwie neu zu motivieren, um überhaupt meine Arbeit weiter verrichten zu können. Viele schämen sich dafür, daß ihre Betriebe, gerade wenn es alte Familienbetriebe waren, in die roten Zahlen gerutscht sind. Oft erzählt man sich die Wahrheit nur hinter vorgehaltener Hand. Und nicht alle können diesem täglichen existenziellen und psychischen Druck standhalten. Aber das ist wieder ein anderes trauriges Thema ..


Samstag, 30. April 2016

Wir kommen nicht auf die Welt, um Antworten zu finden, sondern um Fragen zu stellen. - Robert Seethaler

Dies ist nun das zweite Buch, das ich von dem österreichischen Autor Robert Seethaler gelesen habe. Im direkten Anschluß an den dicken Schmöker "Distelfink", den ich Euch letztens vorgestellt habe, ist das vergleichsweise schmale Büchlein von Seethaler doch wieder der schönste Beweis dafür, daß ein guter Autor keine 1000 Seiten benötigt, um eine Geschichte herausragend erzählen zu können.

1937 kommt der 17-jährige Franz von seinem Dorf am Attersee in das geschäftige Wien und wird Lehrling in einem Tabaktrafik, nicht weit von der Berggasse 19 entfernt, in der Sigmund Freud seine Wohnung und Praxis hat. Franz lernt den betagten Freud kennen, und es entspinnt sich eine zaghafte Freundschaft zwischen dem einfachen Bub vom Land und dem verehrten Professor. Auch die ersten Schritte in der Liebe macht Franz und beherzigt dabei so manchen Rat seines Freundes. All dies trägt sich zu in den Tagen des Anschlusses Österreichs an das Dritte Reich...
Und so begegnet mir in wenigen Wochen schon zum zweiten Mal dieser historische Moment in einem Roman. War es in dem Buch "Der Hase mit den Bernsteinaugen" nur ein kurzes, prägnantes Kapitel, ist dies im "Trafikant" der tragende Hintergrund der Romanhandlung und für die Entwicklung des Protagonisten der entscheidende Moment.
Vom Besitzer des Trafik angehalten, täglich die Zeitungen zu lesen, die dort verkauft werden, taucht Franz auch lesend ein in die Zeitgeschehnisse und reflektiert so das, was ihm selbst in jenen Tagen zustößt:

Eigentlich ist es ja schon merkwürdig, dachte er weiter, wie die Zeitungen ihre ganzen Wahrheiten in großen, dicken Lettern herausposaunen, nur um sie dann gleich in der nächsten Ausgabe wieder kleinzuschreiben, respektive über den Haufen zu werfen. Die Wahrheit der Morgenausgabe ist praktisch die Lüge der Abendausgabe, dachte er, was allerdings für die Erinnerung keine allzu große Rolle spielt. Erinnert wird nämlich meistens sowieso nicht die Wahrheit, sondern nur das, was laut genug herausgebrüllt und eben fett genug abgedruckt wird. Und wenn so ein Erinnerungsrascheln lang genug angedauert hat, dachte er schließlich, wird daraus Geschichte.

Robert Seethaler beschreibt dies alles in einer klaren und unverschnörkelten Sprache. Er hat die schriftstellerische Gabe, die Innenwelt seiner Figuren sprachlich so leichtfüßig, aber eindringlich herauszuarbeiten, daß man das Buch fast nicht mehr aus der Hand legen kann, was bei mir gestern zu einer langen nächtlichen "Lesereise" geführt hat (mit anschließendem schlechten Schlaf, weil die gelesene Geschichte noch zu lange in meinem Kopf rumorte) ...

Die FAZ schrieb denn auch: "Diese unerklärliche Leichtigkeit des Schreibens ist so wohltuend", und Gerhard Polt urteilte: "Für mich ist Seethaler ein großer Erzähler in der Tradition von Alfred Polgar und Joseph Roth".

Eine unbedingte Lektüreempfehlung!

P.S. Ebenfalls lesenswert "Die weiteren Aussichten". Sein bisher letzter Roman "Ein ganzes Leben" steht bereits auf meiner Wunschliste ...



Samstag, 16. April 2016

Der Distelfink

"Der Distelfink" von Donna Tartt. Dieses Buch "verfolgt" mich schon seit einigen Monaten. Irgendwo hatte ich davon gelesen, irgendwann wollte ich es mir kaufen, bekam es jetzt aber von einer Freundin geschenkt. 1022 Seiten in gebundener Form - meine Handgelenke haben wieder sehr gelitten ...

" Es passiert, als Theo Decker dreizehn Jahre alt ist. An dem Tag, an dem er mit seiner Mutter ein New Yorker Museum besucht, verändert ein schreckliches Unglück sein Leben für immer. Er verliert sie unter tragischen Umständen und bleibt allein und auf sich gestellt zurück ... Mit jedem Jahr, das vergeht, kommt er immer weiter von seinem Weg ab ... "
Dies ein Auszug aus dem Klappentext. Der Roman ist aus der Perspektive des mittlerweile über 30-jährigen Theo geschrieben, der reflektierend auf diese Jahre seines Lebens bis in die Gegenwart zurückblickt. Man hat es in gewissem Sinne mit einem Entwicklungsroman zu tun, in bester Tradition eines "Wilhelm Meister" oder eines "Taugenichts" - wenn man denn literarisch verwegen so hoch greifen wollte.
Zunächst einmal muss ich sagen, daß der Anfang des Romans mich durchaus in seinen Bann gezogen hat. Die Geschichte um den jungen Theo, um die enge Beziehung zu seiner Mutter, das tragische Unglück und seine ersten, zaghaften Schritte in ein neues Leben - all dies ist einfach wunderbar erzählt. Danach jedoch - immerhin schon so ab Seite 250 - ertappte ich mich dabei, immer öfter Sätze zu überspringen, später auch ganze Absätze nur noch zu überfliegen. Beides ist immer ein schlechtes Zeichen: Wenn ich mich nicht mehr interessiere für einzelne Sätze, wenn die Worte keinen "Nachhall" in meinem Kopf hinterlassen, keine Empfindungen in mir auslösen, wenn es keine besonderen Textstellen gibt, über die ich nachdenken kann, dann gestaltet sich die Lektüre zunehmend schwierig. Etwa ab der Hälfte driftet die Erzählung dann ab in eine Art Kriminalroman, das titelgebende, alte holländische Gemälde, Der Distelfink, übernimmt die Hauptrolle ...

Vielleicht ist es auch einfach die Schwere der existenziellen Themen wie Verlust, Trauer, Entwurzelung, Erwachsenwerden, die im Roman "angegangen" werden. In den vielen, oft sehr geschwätzigen und nichtssagenden Dialogen, findet man kaum die nötige Tiefe, die solche Themen fordern würden. Und so bleibt die Erzählung immer etwas an der Oberfläche, man hat fast das Gefühl, da wird viel versucht, aber der Leser wird nicht wirklich gefordert. Auch die Krimihandlung um das verschwundene Gemälde passt im Grunde nicht richtig dazu. Fast möchte man sagen, die Autorin hat viel auf einmal versucht, aber wenig erreicht. Man könnte sich durchaus zwei getrennte Romane vorstellen. Hinzu kommt mein Eindruck, daß dieses Buch in der vorliegenden Form ein paar hundert Seiten weniger gut vertragen hätte. Dennoch gebe ich zu, daß die Autorin wirklich gut schreiben kann - nur wirklich gut erzählen kann sie meiner Meinung nach nicht ...
Das Buch wurde denn auch von der Kritik überaus kontrovers aufgenommen, was aber den zukünftigen Leser auch anspornen kann, sich selbst ein Bild zu machen - sofern er die 1000 Seiten durchhält.

Das Buch stand lange auf der Bestsellerliste. Vielleicht hat es deshalb irgendwann unterbewußt meine Aufmerksamkeit erregt, trotz besseren Wissens, was diese Listen anbelangt. In meinem vorherigen Post habe ich ja noch das Loblied auf "vergessene" Lektüren gesungen - weit ab von aktuellen Bestsellerlisten ...

A propos: Umberto Eco hätte über das Buch wohl gesagt, es gehört zu jenen Büchern, "die im Moment ihres Erscheinens einen enormen Erfolg haben, bei dem aber nicht gesagt ist, daß er sich über die Jahre hin fortsetzt. Da sie sich jedoch gut genug verkaufen, um Autoren, Verlegern und Buchhändlern das Wasser im Munde zusammenlaufen zu lassen, wird aus ihnen der Best-to-sell-Titel generiert, das heißt der eigens für den Massenverkauf angefertigte Titel." (U. Eco, Sämtliche Glossen und Parodien, Was ist ein Bestseller? , S. 576).

Mit diesen Gedanken überlasse ich es euch selbst, ob ihr diese umfangreiche Lesereise denn antreten wollt ...

Mittwoch, 6. April 2016

Mein Kopf begann zu arbeiten. Das alte Lied. - Ernest Hemingway

Heute möchte ich einmal ein Lob singen auf die Rückbesinnung ...

Auf dem jährlichen deutschen Bücherbasar hier in Athen finden sich oft wahre Schätze, und damit meine ich nicht nur das eine oder andere aktuelle Buch, das man dort zu Schnäppchenpreisen finden kann. Ich denke an all die "vergessenen", vor unzähligen Jahren gelesenen Bücher, die irgendwann wundersamerweise aus unseren Bücherregalen verschwunden sind - oder die man sich vielleicht auch nur ausgeliehen hatte ...
Wenn man viel liest, ist man ja immer "anfällig" für Neuerscheinungen, aktuelle Lektüreempfehlungen und die berühmt-berüchtigten Bestsellerlisten. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Dennoch freue ich mich immer, wenn mir so mancher Autor auf diesen Basaren unterkommt, an den ich schon lange nicht mehr gedacht habe.


Die Hemingway-Taschenbuchausgabe aus dem Jahre 1974 mit stark holzhaltigem, bereits vergilbtem Papier, dem typischen strengen Staubgeruch schon älterer Bücher und einer extrem kleinen Schrift, die ich inzwischen selbst mit Lesebrille nur schwer lesen kann.
Irgendwann in meinen jungen Jahren hatte ich exakt diese Ausgabe gelesen - ich erkannte sogleich das Buchcover. Irgendwie berührt mich dann so ein Buch mehr als wenn ich es mir in einer neuen Ausgabe gekauft hätte ...
Jedenfalls habe ich es jetzt wieder zur Hand genommen, natürlich erinnere ich mich an die Geschichte, aber ich begeistere mich - wie früher - wieder an Hemingways Sprache, und das Buch wird nach dem Lesen seinen sicheren Platz im Regal finden!


Dienstag, 5. April 2016

Ablasshandel ...

 Heute hat nun die offizielle Abschiebung der Flüchtlinge zurück in die Türkei begonnen. Ein „denkwürdiger“ Tag. Nun liest man in den letzten Tagen genügend Artikel und Kommentare, die den Deal der EU mit der Türkei verdammen und kritisch beleuchten. Und da sind sie dann doch wieder, all jene, die noch vor kurzem über den Untergang des Abendlandes schwadronierten, Deutschland schon als ein Land der Massenvergewaltigungen sahen (konnte ich wörtlich so lesen!) und noch vieles mehr. Und genau sie regen sich auch über diesen Deal mit der Türkei auf,  über die Zahlungen, die die EU leistet, die Verletzung der Menschenrechte dort, die Einschränkung der Pressefreiheit etc. Und das ist für mich nun die Apotheose der Heuchelei!


Von „Ablasshandel“ ist die Rede. Zu Recht. Denn da will man die Flüchtlinge nicht, will aber auch kein schlechtes Gewissen haben oder etwas dafür zahlen müssen. Genau da liegt aber die Heuchelei. Wir können nicht die Humanität mit Füßen treten, dabei aber selbst nicht die moralische Verantwortung dafür übernehmen. So läuft es halt nicht! Also müssen wir uns heute, an diesem „denkwürdigen Tag“, schon den Schuh anziehen und zugeben, dass viele in unserer Gesellschaft eben nicht so human sind, wie sie sich gern fühlen wollen. Ihnen kann man nur sagen, daß nichts im Leben umsonst ist  – nicht die Humanität, aber eben auch und insbesondere nicht die Inhumanität! 


Donnerstag, 31. März 2016

Nullnummer... in fast jeder Hinsicht - leider ...

Und so ist er nun endlich gelesen, der letzte - zu seinen Lebzeiten - veröffentlichte Roman von Umberto Eco. Irgendwo las ich in den Nachrufen, ein weiteres Romanmanuskript läge noch vor und würde posthum veröffentlicht werden. Wir werden sehen.
Nun aber zu diesem, von seiner exquisiten und sorgfältigen Aufmachung her, äußerst einladenden Buch.
Mailand 1992. Einige Redakteure werden versammelt, um eine Zeitschrift zu machen, die aber kurioserweise nie erscheinen soll. Für dieses Unternehmen rekrutiert man auch der Ghostwriter Colonna, der zeitgleich einen Roman über diesen geplanten Betrug schreiben soll. Zunächst lässt sich das Ganze recht interessant an, aber im Verlaufe der Geschichte fragte ich mich immerzu, wann es endlich "zur Sache" geht...
Eco spart nicht an exzellenten Spitzen gegen Männer wie Berlusconi oder gegen die fragwürdige Machart von Zeitungen. An diesen Textstellen blitzt er nochmal auf, der gewitze und umfassende Gelehrte, der genaue Beobachter seiner Zeit, der gnadenlose Analytiker. Aber auch die etwas bemüht anmutende Kriminalhandlung, die das Geschehen zusammenhalten soll, kann für mich das Buch am Ende nicht wirklich "retten".
Da Eco erst vor kurzem verstorben ist, hätte ich es mir so gewünscht, einfach noch einmal ein Meisterwerk im Stile von Der Name der Rose oder Das Foucaultsche Pendel in den Händen zu halten,  Dem war leider nicht so.
Dies bedeutet aber nun nicht, daß Eco meine Hochachtung verloren hätte. Nein, natürlich nicht. Zuviel Interessantes und Außergewöhnliches hat dieser Mann uns Lesern hinterlassen. Sein Lebenswerk - generell in kultureller Hinsicht - ist zu groß, als daß es das eine oder andere nicht so gelungene Buch schmälern könnte!

Donnerstag, 24. März 2016

Fluchten ...

Aus meiner aktuellen Lektüre ...
Anna Seghers Buch ist aus dem Jahre 1951 und beschäftigt sich mit den Flüchtenden aus Nazi-Deutschland und dem besetzten Frankreich.
Liest man das folgende Zitat, versteht man, daß "Flüchten" immer schrecklich ist, egal wann, von wo und wie ... So ist Literatur doch oft auch noch nach Jahren aktueller denn je:



Ein beeindruckendes Buch, nur empfehlenswert!